Genre-Hopper: Hartmut Ernst

Genrefizierung

25. April 2023

Ausformungen der Filmkategorisierung – Vorspann 05/23

Ein Kollege sprach neulich von einer „EroRomCom für Young Adults“. Gemeint war die erotische romantische Komödie für junge Erwachsene bzw. die vermeintlich erotische romantische Komödie für junge Erwachsene namens „Beautiful Disaster“. Und zugegeben: Die EroRomCom kannte ich noch nicht. Verrückte Filmkategorisierungen!

Immerhin, die Filmgattungen sind noch klar umrissen. Da geht es grundsätzlich bloß um das Wie: Dokumentarfilm, Animationsfilm, Realfilm etc. – easy. Beim Genre, also bei der Frage nach dem Was, mit welcher Tonalität und für wen, wird es anspruchsvoller. Theoretisch könnt man in unserem Magazin einfach 85 Prozent der rezensierten Filme nüchtern dem Genre „Drama“ zuordnen, den Rest könnten sich „Komödie“ und „Dokumentarfilm“ untereinander aufteilen. Doch Sie, verehrte Leser:innenschaft, wollen es zu Recht genauer wissen. Ist der Film für Frau, Mann, L, G, B, T, Q, für Kind und/oder Familie?Young Adult, Adult oder Old Adult? Doku, Dokudrama, Dokufiction? EroRomCom, EuroRomCom, EuroEroRomCom?Oder NonRomCom. Mindfuck!

Apropos: Mindfuck-SciFi, Mindfuck-Horror, Mindfuck-Thriller – endlos lassen sich Genres und Subgenres variieren. Als ob es der Genres und Subgenres noch nicht genug gäbe, gibt es zuhauf auch Varianten oder Abkürzungen, die meistens das Gleiche meinen: Science Fiction, SciFi oder reicht Ihnen ein einfaches SF? Tragikomödie, Dramedy oder darf’s Dramödie sein? Was muss das noch entspannt gewesen sein vor hundert Jahren! Da gab‘s Komödien, Western oder Historienfilme. Keine Subgenres. Die Kinowelt war überschaubar. Hundert Jahre später ploppen gefühlt wöchentlich neue Genrekategorisierungen, -varianten und -kombinationen auf, und dann nochmal als Anglizismus und in knackiger Kurzform, so als gäb’s kein Halten!

Nun liegt das natürlich nicht bloß daran, dass der (deutsche) Mensch gern kategorisiert. Nein – die Genrezuordnung dient vielen als Orientierung, inwiefern der Film überhaupt für einen Kinobesuch relevant ist. Nicht jede:r mag alle Genres, und wer nicht selbst weiß, was er mag, dem wird im Internet geholfen: „Welche Filmgenres passen zu mir?“. Nun, im Idealfall mag man natürlich so viele Genres wie möglich, denn dann hat man mehr davon. Wer bloß Romantische Non-Ero-Coming-of-Age-Folk-Horror-Mindfuck-Animadoks mag, der geht vermutlich nicht allzu oft ins Kino. So wie leider viele Deutsche. Wir empfehlen: Gehen Sie, es gibt so viel zu entdecken! Neue und neuartige Filme, Genres und Subgenres. Und Letztere werden nicht etwa fortwährend bloß aus reinem Selbstzweck neu definiert, sondern weil das Kino nun einmal Projektionsfläche ausufernder Kreativität ist und sich folglich auch die Genres in einem fortlaufenden Entwicklungsprozess befinden. Weil sich die kreativen Ausrichtungen einander inspirieren, sich verhaken, Neues suchen und Altes verkehren. Es nimmt kein Ende. Und ja, wir geben zu: Wir haben Spaß an der Kategorisierung und freuen uns schon jetzt auf das erste Komölodram und die nächste Krimanze.

Hartmut Ernst

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