(Ausschnitt) Starrsinnig: Der Ort des Geschehens in „Here“
Foto: © DCM

Geist des Ortes

30. September 2026

Der Ort als Handlungsträger – Vorspann 10/26

In diesem Monat erzählt Volker Schlöndorff in „Heimsuchung“ von Menschen und Schicksalen, zuallererst aber erzählt er von einem Stück Land an einem märkischen See. Die Menschen kommen und gehen. Der Ort aber bleibt. So lässt sich der Ort durchaus als Haupthandlungsträger einordnen. Zugleich ist die Zuschreibung unzutreffend, insofern der Ort hier ja nichts trägt. Er trägt allemal bei. Zur Erholung etwa. Ansonsten ist der Ort bloß Ort. Durchaus, er hat Charakter, ist durch seinen idyllischen Charakter positiv konnotiert. Aber so ein Ort tut ja nichts. Der Ort ist in seiner Passivität aber zugleich Kommentar zu den Menschen, die sich hier aktiv sesshaft machen. Die hier stranden, leben, sterben. Der Ort kann Spiegel der Seelenzustände seiner Bewohner:innen sein – und er kann heilsamer Widerpart sein, wenn Grauen passiert im sonnigen Idyll, wenn das Stück Land über Jahrzehnte hinweg Wunden schließt. Hier wirkt der Ort salbend. Und so ist es beinahe magisch, wie wir im Publikum trotz manch trüber Begebenheiten am Ende seltsam euphorisiert den Saal verlassen. Der Ort heilt sich selbst ohne eigenes Zutun – und uns gleich mit dazu. Weil das, was der Mensch auf ihm ausrichtet, endlich ist – und dem Ort letztlich egal. An sich ein Affront gegenüber dem eitlen Menschen.

Es ist auffallend, wie sich in der jüngsten Vergangenheit Spielfilme episch an einen Ort klammern. 2023 stellt Robert Zemeckis für sein Drama „Here“ eine Kamera auf und lässt sie einen ganzen Film lang unverrückt an dieser Stelle stehen. Die ersten Bilder reichen 65 Millionen Jahre zurück. Irgendwann wird der Ort besiedelt. Dann steht die Kamera in einem Haus. Seine Hauptaufmerksamkeit widmet der Film schließlich dem Leben einer Familie über drei Generationen im 20. Jahrhundert. 2025 bildet in „In die Sonne schauen“ ein Vierseitenhof in der Altmark den Dreh- und Angelpunkt vierer Generationen. Im selben Jahr drehen sich in „Silent Friend“, ebenso über ein ganzes Jahrhundert verteilt, drei Geschichten rund um einen Ginko-Baum im Alten Botanischen Garten in Marburg.

„Viele Menschen an einem Platz“, so heißt es in „Heimsuchung“: Über all diesen Filmen schwebt ein besonderer Geist. Der Geist eines Ortes. Und der Geist der Zeit, des Entstehens, des Wachsens, des Lebens, der Vergänglichkeit, des Tods. Filme, in denen nicht die Zeit stehen bleibt, sondern der Ort. All diese Filme ziehen genau daraus eine besondere Magie. Während der starr gerahmte Ort in „Here“ eher neutrale Projektionsfläche ist und zur ewigen Theaterbühne erwächst, erhält der Vierseitenhof in „In die Sonne schauen“ eine düstere, mythische Bedeutung. „Silent Friend“ verleiht dem Geschehen eine phantastische Note. In „Heimsuchung“ glänzt der Ort dadurch, dass er einfach bloß da ist. Das ist nur scheinbar am unspektakulärsten. Tatsächlich ist das Verhältnis, das dieser Film spiegelt, fundamental: Das Verhältnis von uns Menschen zu unserem Planeten. Viel Spaß bei der nächsten Ortsbesichtigung in Ihrem Lieblingskino!

Hartmut Ernst

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