Das Kino widmet sich zuletzt, von „Maestro“ bis „Boléro“, den großen Komponisten, kommenden Herbst dann sehen wir „Chopin – Eine Sonate in Paris“. Aktuell bespielen „Vivaldi und ich“ die Lichtspielhäuser, bei dem Opernregisseur Damiano Michieletto sein Debüt als Filmregisseur gibt. Dass sich einer, der Oper inszeniert, der Kinoleinwand zuwendet, erleben wir indes eher selten. Vielleicht ist es ungehörig, sich als Vertreter der Hochkultur auf derlei Niveau herabzulassen – dabei befruchten beide Kunstformen einander, seit es das Kino gibt.
Anders herum jedenfalls zeigt man sich offener: Andreas Dresen hat bereits Mozart, Tschaikowsky und Richard Strauss adaptiert, Philipp Stölzl verbucht bereits über ein Duzend Inszenierungen von Singspielen. Werner Herzog fährt seit 1985 zweigleisig – und hat schon 1982 das Opernhaus ins Kino bzw. in den peruanischen Dschungel geholt („Fitzcarraldo“). Opernverfilmungen halten sich derweil rar – das Kino greift lieber auf popcornaffinere Musicals zurück. Als Filmkulisse wiederum ist das Opernhaus beliebt: In „Pretty Woman“ kommentiert „La Traviata“ den Plot, Nolans „Tenet“ wird im Opernhaus eröffnet, Coppola zelebriert das finale Showdown seiner Paten-Trilogie in der prunkvollen Spielstätte. James Bond und Ethan Hunt kämpfen sich gleichermaßen durch die Oper, und in „Phantom der Oper“ erwächst das prunkvolle Bühnenhaus gar selbst zum Handlungsträger.
Interessant wird es 2006, seitdem sich die Hochkultur auch der großen Kinoleinwand öffnet, wenn Opernbühnen aus London, New York & Co. ihr Hochkulturgut weltweit und live auf die großen Leinwände werfen – nicht zuletzt wertvoller Ersatz in Zeiten, in denen Städteplaner sich desaströs und kostspielig mit der Sanierung ihrer Opernstätten verduddeln. Wenn Oper ins Kino gestreamt wird, mögen manche betuchte Freund:innen des pompösen Singspiels die Nase rümpfen. Andererseits eröffnet der Live-Stream Menschen, die bisher nicht opernaffin bzw. zahlungskräftig genug waren, neue Zugänge und Horizonte. Kino betreibt hier im besten Sinne Kulturaustausch.
Irritierend dabei: Anders als im Opernsaal wird die Zuschauerschaft vor Beginn der Vorstellung mit Backstage-Aufnahmen und Sponsorenclips zugeballert. Und in der Pause, zu der man in der Oper anmutig in der Stimmung des Gesehenen weiterbaden kann, werden im Kinosaal bis zum Anschlag Interviews mit den Darsteller:innen, Kurz-Arien aus kommenden Aufführungen und Sponsorenspots auf die Leinwand geworfen. Das ist in etwa so, als würde mitten in einem Kinofilm ein halbstündiges Making-of gezeigt – totale Desillusionierung. Dem Publikum indes gefällt das durchaus – nur eine Handvoll flüchtet sich ins Foyer. Für sie wäre ein Gimmick hilfreich, das es aus dem Opernhaus bisher nicht herüber ins Kino geschafft hat: der Pausengong.
Chopin hat übrigens keine einzige Oper geschrieben, weil er nicht Jahre darauf warten wollte, bis eine seiner Opern aufgeführt würde. Da können Filmregisseure ein Lied von singen. Hätte Chopin das mal vorher gewusst.
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