Fortsetzung folgt: Hartmut Ernst

Fortsetzung folgt nicht

28. Mai 2025

Serielles Erzählen in Arthouse und Mainstream – Vorspann 06/25

Nach drei Fortsetzungen geht in diesem Monat John Wick mit „Ballerina“ in die Spin-off-Runde. Das sind, hochgetrieben bis in nur noch x-beliebige Marvel-Multiversen, Mechanismen, von denen das Arthousekino für gewöhnlich Abstand hält. Ein „La Strada“ geht nicht in die Fortsetzung. Es gibt auch keinen „Jules et Jim et Joelle“ noch „Eine Komödie im Juni“, keinen „Alles über meine Mütter“ noch „Paris, Texas, Groß Oesingen“. Nein, im Arthouse-Sektor steht der Film lieber für sich und macht sich nicht zur „Cashcow“. Natürlich gibt es Ausnahmen, nur geht es dann weniger um den großen Reibach, sondern beispielsweise um Figuren, die von ihrem Schöpfer über Jahre zugeneigt begleitet werden, zu sehen bei Antoine Doinel unter François Truffaut oder in Richard Linklaters „Before“-Trilogie. Ansonsten weicht die Filmkunst für Fortsetzungen eher ins serielle Home-Entertainment aus: Ingmar Bergmann („Fanny und Alexander“), David Lynch („Twin Peaks“) oder zuletzt Xavier Dolan („Die Nacht, als Laurier erwachte“) gönnen sich über die Serie eine Vertiefung, die sich nicht in einen Kinobesuch unterbringen lässt. Es sei denn, man hat das Glück und erlebt z.B. als Student Rainer Werner Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ am Stück – im Filmkeller der Fachschaft in einer langen Filmnacht.

Ansonsten bildet im Gesamtwerk unserer Arthouse-Künstler:innen weniger der Leinwand-Charakter das wiederkehrende Element als der Stab hinter der Kamera oder der Stil der Regisseur:innen – in diesem Monat wieder besonders unverkennbar: Wes Anderson („Der phönizische Meisterstreich“). Nein, auf der großen Leinwand macht die Filmkunst nicht in Fortsetzung. Zugleich sucht jeder Mensch Struktur und Zusammenhang. Und so meidet der Arthouse-Film vielleicht das Serielle, ordnet sich aber gerne mal in den Zyklus ein. Éric Rohmer war da ganz groß drin und vereinte jeweils mehrere Filme unter seinen drei Filmzyklen – mit konzeptionell besonderem erzählerischen oder formalen Überbau.

Der Arthouse-Künstler:innen bevorzugte Rahmung indes dürfte die Trilogie darstellen, hier tobt man sich am liebsten aus. So finden sich Trilogien bei Krzysztof Kieślowski (Drei Farben), Roman Polanski (Mieter), Ulrich Seidel (Paradies) oder Greta Gerwig (Girlhood). Das funktioniert auch rückwirkend: Pedro Almodóvar erkannte erst im Nachhinein bei drei seiner Dramen einen deckungsgleichen autofiktionalen Ansatz, Luis Buñuel entdeckte erst nach Drehschluss die Wahrheitssuche als übergreifendes Thema dreier seiner Filme. Anderswo ist die Trilogie über den Handlungsort verortet, so bei Luchino Visconti (Deutschland), Stephen Frears (London) oder Ingmar Bergman (Fårö). Aktuelles Beispiel: Die „Oslo Stories“ des Norwegers Dag Johan Haugerud, die zugleich beispiellos sind, weil die drei Dramen ungewöhnlich dicht getaktet innerhalb von fünf Wochen ins deutsche Kino kommen. So etwas suchen die Avengers tunlichst zu vermeiden. Nun, Haugerud setzt halt andere Anreize. Zum Beispiel, öfter ins Kino zu gehen. Lohnt sich.

Hartmut Ernst

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