Eine lange Schlange zieht sich an diesem Donnerstagabend durch das Cinenova. In gleich zwei Sälen feiert der Film „Köln 75“ Publikumspremiere, nachdem er kurz zuvor bei der Berlinale erstmals auf der Leinwand gezeigt wurde. Stargast des Abends ist zweifellos die Kölnerin Vera Brandes, ohne sie gäbe es „Köln 75“ nicht. Denn: Der Film basiert auf dem Leben der mittlerweile 68-Jährigen, die schon als 16-Jährige begann, in Köln Jazz-Konzerte zu organisieren. 1975 sorgte sie dafür, dass der berühmte Pianist und Jazz-Musiker Keith Jarrett in der Kölner Oper sein legendäres „Köln Concert“ spielte, dessen Aufnahme später zur meistverkauften Solo-Klavier-Veröffentlichung aller Zeiten wurde.
„Köln 75“ erzählt die Geschichte, wie es zu diesem legendären Konzert kam – doch nicht aus der Sicht von Keith Jarrett, sondern aus der Perspektive der damals erst 18 Jahre alten Vera Brandes. „Alle Musikfilme haben die gleiche Story, sie fokussieren sich auf die Künstler. Ich wollte einen Film machen, der die Menschen sichtbar macht, die Kunst erst möglich machen“, sagt Regisseur Ido Fluk beim anschließenden Filmgespräch. Als er die Geschichte von Brandes gelesen habe, hätte er sofort gewusst, dass er darüber einen Film machen wolle. „Ich habe darin die Möglichkeit gesehen, Musikgeschichte anders zu erzählen und eine historische Ungerechtigkeit zu korrigieren“, erklärt Fluk.
Eine junge Frau kämpft für sich und ihren Traum
In mitreißenden und farbenfrohen Bildern zeigt der Film, wie es dazu kam, dass Vera Brandes Konzerte für internationale Jazz-Künstler organisierte, bis hin zu dem legendären „Köln Concert“ – das fast nicht stattgefunden hätte, weil statt des von Jarrett gewünschtem Bösendorfer Imperial Flügels plötzlich ein viel älteres, kaputtes Modell auf der Bühne stand. Nur durch den leidenschaftlichen Einsatz Brandes konnte der Flügel noch repariert und Jarrett überzeugt werden, darauf zu spielen.

Immer wieder von Jazz unterlegt, spiegelt der Film den atemlosen Ehrgeiz und den schier grenzenlosen Elan wider, den die unangepasste und draufgängerische Brandes für die Musik empfindet. Es ist vor allen Dingen ihr Vater, gegen den sich Brandes durchsetzen muss, der sie im Verlauf der Handlung sogar als „Hure“ beschimpft und symbolhaft für das patriarchale System steht, in dem es nicht vorgesehen ist, die eigenen Träume zu verwirklichen – schon gar nicht als junge Frau. Doch Brandes lässt sich nicht entmutigen: Sie kämpft für sich, die Musik und ihren Traum. Diese Begeisterung überträgt sich: Als der Abspann über die Leinwand flimmert, ertönen lautstarker Applaus und Jubelrufe.
Unvollkommenheit und Fehler wagen
Im anschließenden Filmgespräch zeigt sich Brandes ergriffen. „Das ist ein sehr besonderer Moment für mich“, sagt die Musikproduzentin, während sie mit den Tränen kämpft. Sie habe sich schon damals gefragt, was ein Leben ausmache, in dem man etwas bewirken könne. „Ich wollte, dass die Leute aufwachen und merken, wie toll das Leben sein kann; vor allem, wenn man Gewohnheiten verlässt“, erklärt Brandes. Im Bezug auf die aktuelle gesellschaftliche Stimmung sei es wichtig, sich das bewusst zu machen: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir uns erinnern müssen, dass wir unser Leben gestalten, niemand sonst.“ Auch die Notwendigkeit zur Förderung von Kunst kommt angesichts der wegweisenden Bedeutung des „Köln Concerts“ zur Sprache. Stefan Charles, Kulturdezernent der Stadt Köln, weist in einem Grußwort zum Film darauf hin, dass es trotz der aktuellen Kürzungen im Haushalt der Stadt wichtig sei, Kultur auch weiterhin angemessen zu fördern, damit auch in Zukunft so magische Abende wie das Konzert 1975 geschehen könnten.
Brandes ruft außerdem zum Mut zur Unvollkommenheit auf. „Ich habe mich nachher oft gefragt, ob das Konzert so berühmt geworden wäre, wenn vorher alles perfekt gewesen wäre“, sagt sie. Mittlerweile habe sie sich diesen Hang zur Improvisation zur Methode gemacht: „Kleine Katastrophen sind belebend, es geht immer um das Risiko.“ Regisseur Ido Fluk sieht das ähnlich. Auch bei der Produktion von „Köln 75“ sei nicht alles perfekt gelaufen; er habe erst einen Anfang für das Drehbuch geschrieben, den er zunächst verwerfen wollte, sich dann aber doch entschieden, ihn zu behalten. „In der Geschichte geht es schließlich um Fehler“, sagt Fluk.
Sol Bondy, einer der Produzenten, weist auch darauf hin, dass Keith Jarrett sich geweigert habe, an dem Film mitzuwirken. Das sei ein Hindernis gewesen, doch auch davon hätte man sich nicht abhalten lassen wollen. „Wir haben in ,Köln 75‘ eine Möglichkeit gesehen, eine deutsche Geschichte zu erzählen, die ein internationales Publikum finden kann“, so Bondy. Nun sei der Film bereit dafür. Verleihchef Tobias Lehmann vom Filmverleih Alamode ruft dazu auf, den Film weiterzuempfehlen: „Er schreit danach, auf der großen Leinwand im vollen Kino gesehen zu werden.“ Am 13. März ist der offizielle Kinostart in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In Köln gibt es eine Reihe weiterer Sondervorführungen, bei denen Vera Brandes erneut zu Gast sein wird, unter anderem am 15. März erneut im Cinenova.
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