Als der populärste Dirigent unserer Tage gilt wohl Sir Simon Rattle. Er besitzt die Ausstrahlung eines englischen Gentlemans, angenehm zurückhaltend im Privaten, hochemotional und engagiert am Dirigierpult. Seit einigen Jahren besitzt er auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Dreimal hat er geheiratet, eine Sängerin, dann eine Schriftstellerin, aktuell wieder eine Sängerin, die weltbekannte Mezzosopranistin Magdalena Kožená. Ihre beiden Söhne wurden jeweils in Festspielstädten geboren – die Tochter dagegen in Berlin, wo Rattle den Chefposten bei den Philharmonikern von Claudio Abbados übernahm. Dass die britische Königin Elisabeth II. den Künstler in den Adelsstand erhob, liegt schon mehr als dreißig Jahre zurück. Berlin ist ihm als Wahlheimat erhalten geblieben, auch wenn seine aktuelle künstlerische Wirkungsstätte München heißt.
Um einen weiteren Wahlberliner geht es in seinem aktuellen Konzert in Köln: Ferruccio Benvenuto Busoni (1866-1924). Als Zehnjähriger debütierte der als Pianist in Wien und fiel dort der Kritikerlegende Eduard Hanslick auf. Johannes Brahms, dessen 4. Sinfonie als Hauptwerk des Kölner Konzerts aufliegt, empfahl den jungen Mann nach Leipzig. Dort besorgte die Musikerprominenz dem jungen Virtuosen eine erste Klavierprofessur. Busoni durchlief die Karriere eines Wunderkinds, wie sie vor ihm nur Franz Liszt und später vielleicht Rachmaninow erleben durften. Als weltweit gefragter Pädagoge verbrachte er die letzten Jahrzehnte mit seiner Meisterklasse in Berlin mit Schülern wie Kurt Weill – Busoni war weitaus mehr als ein virtuose Pianist, er wirkte als Komponist, Musiktheoretiker und Schriftsteller, zudem als Maler und Zeichner.
Nach einer bewegten „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ von Bela Bartók taucht der gelernte Schlagzeuger Sir Simon Rattle mit der „Sarabande“ ein in die Welt von Busonis Oper „Doktor Faust“. Die „Sarabande“ ist nur eine kurze Episode, eine Vorstudie für Busonis selten zu hörende Oper, die 1925 posthum uraufgeführt wurde. Das stets aufgeweckte und neugierige Chamber Orchestra of Europe stellt den perfekten Klangkörper für eine solche Studie.
Chamber Orchestra of Europe / Sir Simon Rattle | Sa 25.4. 20 Uhr | Kölner Philharmonie | 0221 28 02 80
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