Mit 96 Jahren ist Yayoi Kusama ein Weltstar in der bildenden Kunst, für deren Malereien und raumgreifende Installationen das Publikum Schlange steht. Aber woran liegt’s, dass die japanische Künstlerin so erfolgreich ist? Yayoi Kusama überzieht ihre Leinwände und ihre Objekte, die Kürbisse oder Blumen darstellen oder riesige tentakelartige Röhren sind, mit kontrastierenden Polka-Dots und die Rauminstallationen halten eindrucksvolle Seherlebnisse bereit. Bei allem Vibrierenden strahlen diese Werke mit ihrer attraktiven, für die Sozialen Medien tauglichen Wiedererkennbarkeit Ordnung und Ruhe aus.
Dazu kommt das Geheimnisvolle ihrer Person. Yayoi Kusama hat sich seit Jahrzehnen in eine Wohnung in einer psychiatrischen Klinik in Tokio eingemietet, in der sie – wie die Leiterin ihrer Stiftung mitteilt – ein alltägliches Leben führt, mit der Malerei als Tätigkeit. Ohne eine Galerie, die sie nach außen vertritt, war sie nie, mittlerweile aber ist sie beim New Yorker Stargaleristen David Zwirner unter Vertrag, sodass ihre Gemälde im Millionenbereich gehandelt werden. Dass Peter Ludwig für seine Museumssammlung schon vor einem halben Jahrhundert ein Werk erworben hat, zeigt, wie früh sie international gefragt war und zur Avantgarde gehörte. Ihre Polka-Dots zählen zur Pop Art und zur Op Art. Mit ihren kontemplativen Abstraktionen wurde sie zu den Zero-Ausstellungen eingeladen und war schon da die etwas merkwürdige Japanerin mit den expressiven, so logischen wie originellen Werken.
Die Ausstellung im Museum Ludwig zeigt alle wesentlichen Stilphasen. Sie beginnt mit den frühen Gemälden, in denen sie bereits Punkte gesetzt hat, und verdeutlicht, wie sehr Yayoi Kusama an den verschiedenen internationalen Kunstrichtungen partizipierte. 1958 bis 1972 lebte sie in New York, veranstaltete dort auch Happenings und Performances und entwickelte, ausgehend von persönlichen Traumata, Soft Sculptures aus weißem Stoff mit röhrenartigen Extensionen. Claes Oldenburg und Warhol hätten von ihr abgeschaut, hat Kusama später gesagt. Bei ihrer Kunst spielt die eigene Befindlichkeit hinein. Ihre Kunst bringt aus dem Gleichgewicht. Plötzlich schlägt das, was so stark und widerständig klingt, in psychische Fragilität um. Die Orientierung entfällt und der Boden wird schwankend – wortwörtlich im Museum Ludwig im riesigen Spiegelraum mit seinen Tentakeln, dem „lnfinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in lnfinity Will Eternally Cover the Universe“, aber auch dem Zimmer, das ihrer Wohnung nachempfunden sein mag, in dem die projizierten Punkte in blauem fluoreszierendem Licht schweben und sich über alles legen. So schön, aber auch brüchig kann Kunst sein, von Vergänglichkeit und Ewigkeit, Kleinheit und Größe handeln. Malerei wird zum Exerzitium der Selbstvergewisserung und damit zum Tagebuch, das gelassen und sorgfältig vorgetragen wird. Die Ausstellung endet mit Bildern aus dem vergangenen Jahr, wie Kusama diese nach wie vor malt. – Für das Museum Ludwig kommt die Ausstellung zum richtigen Zeitpunkt. Anlässlich seines 50. Jubiläums würdigt es damit eindrucksvoll seinen Sammlungsschwerpunkt Pop Art: überraschend und sehr frisch.
Yayoi Kusama | bis 2.8. | Museum Ludwig | 0221 22 12 61 65
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