Der Schriftsteller Navid Kermani ist spätestens seit Mai, als er im Bundestag eine beeindruckende Rede zum 65. Jubiläum des Grundgesetzes hielt, kein Unbekannter mehr. Zurzeit ist er mit „Zwischen Koran und Kafka“, einer Anthologie von Essays und Reden, auf Lesetour. Wer ist er und was bewegt ihn? Das versuchte Moderator Hubert Winkels in einem langen Interview am Anfang der Lesung, die komplett ausverkauft war, herauszufinden. Und in der Tat kamen neue Dinge über den Deutschen mit iranischen Wurzeln ans Tageslicht. Zum Beispiel, dass er ein Neil-Young-Kenner ist und sogar ein Buch über ihn geschrieben hat. Und dass er den Koran und das Grundgesetz als ästhetische Literatur wahrnimmt. „Ich bin Philologe. Das ist das, was ich gelernt habe. Mein Blick auf Texte ist der des Literaten und weniger der eines Juristen oder Religionswissenschaftlers.“

Nach dem etwa 45-minütigen Eingangsgespräch begann Kermani aus „Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen“ zu lesen. Er konzentrierte sich dabei auf ein Kapitel, das sich mit Goethes Gedicht „Talismane“ und seinem Bezug zum Islam auseinandersetzt. Kermani trug Goethes letzten Vers mit viel Hingabe vor, und das Kölner Publikum hörte interessiert zu: „Im Atemholen sind zweierlei Gnaden, die Luft einziehn, sich ihrer entladen. Jenes bedrängt, dieses erfrischt. So wunderbar ist das Leben gemischt. Du danke Gott, wenn er dich preßt, und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.“ Er machte deutlich, dass er bei Goethe das Wesentliche der islamischen Religion erfasst sieht. „Ich kenne kein Gedicht, auch kein orientalisches Gedicht, das leichter Hand das Wesentliche des Islams so prägnant, poetisch elegant und zugleich vieldeutig erfasst, wie Goethes ‚Talismane‘“.
Im Verlauf der Lesung sprach er auch über Themen wie den Umgang mit dem Tod und den Umgang mit Glauben im Allgemeinen. Nach etwa 30 Minuten beendete er das Kapitel und es folgte ein weiteres Gespräch mit Hubert Winkels, der wissen wollte, ob er es leichter fände, Prosa oder Lyrik vorzutragen. Für einen Schriftsteller wie Kermani macht das keinen Unterschied – das hat er an dem Abend unter Beweis gestellt. Der habilitierte Orientalist ist nicht nur Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, sondern wurde für seine Romane, Reportagen und wissenschaftlichen Werke auch vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, dem Heinrich-von-Kleist-Preis und dem Joseph-Breitbach-Preis.
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