„Deportation Cast“
Foto: MEYER ORIGINALS

Vom Kopf in den Bauch

25. April 2013

„Deportation Cast“ am Theater im Bauturm – Theater am Rhein 05/13

Die Beobachterin, die bei Deportationsvorgängen darauf achtet, dass die Menschen anständig behandelt werden, hat keine Illusionen: „Träume von Veränderungen habe ich mir abgeschminkt.“ Er begleite Leute bei der Heimreise, sagt der junge Orthopäde, der sich für den Nebenjob über psychische Traumata schlau gemacht hat. Das Wort „Abschiebung“ klingt so unschön. Die Sachbearbeiterin, die es im Ausländeramt spannender findet als beim Gebäudemanagement, zollt den „Kunden“ Respekt, indem sie auf sprachliche Korrektheit achtet und weiß, dass man das, der oder einfach Kosovo sagen könne. „Das sind Paragraphen“, konstatiert der auf Abschiebungen spezialisierte Anwalt. „Paragraphen, an denen Menschen hängen.“

Mit diesen vier Nebenfiguren bringt Björn Bicker einen authentischen, nüchternen Ton in sein Drama. Ein gutes Gegengewicht zur Tragik der Geschichte um die junge Romni Elvira, die mit ihren Eltern und dem seelisch verwundeten kleinen Bruder in einer Nacht- und Nebelaktion nach Pristina ausgewiesen wurde. Da sitzt die 16Jährige, vermisst sogar die Normalität einer Mathearbeit – und ihren Freund. Der rebelliert derweil gegen seinen Pilotenvater, der auch solche Abschiebungsflüge durchführt.

Die politische Haltung des Stückes ist eindeutig; das Leid jener Menschen, die an den Paragraphen hängen, wird plastisch. Distanz, auch für eigene Gedanken, wird dadurch erzeugt, dass die Bühne durch Mittel wie Mikrofone oder Texteinblendungen explizit Theaterraum bleibt, und dass alle Darsteller drei Figuren zu spielen haben. Eindrucksvoll gleiten Mirka Flögl, David N. Koch, Susanne Kubelka und Christoph Wehr hin und her, sind dann aber mit großer Intensität ganz in der jeweiligen Rolle. Überhaupt legt Regisseur Gerhard Roiß Finger in Wunden, reizt emotionale Punkte. Die Klagelieder, die das „Abschiebungsensemble“ anstimmt, der Einsatz von aufwühlender Musik (Komposition: Susanne Kubelka) zielen unbeirrt ins Epizentrum der Gefühle. Entziehen kann man sich kaum. Es ist das Verdienst dieser Inszenierung, dass sie einen mit Unwohlsein im Bauch entlässt und den „Problemfall Roma“ nicht nur auf neutraler, intellektueller Ebene verhandelt.

„Deportation Cast“ von Björn Bicker | R: Gerhard Roiß | Theater im Bauturm, Köln | 15./17./18./29.-31.5. 20 Uhr/16.5. 19 Uhr | www.theater-im-bauturm.de

JESSICA DÜSTER

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