Halleluja, das klassische Theater lebt! Mit Darsteller:innen auf der Bühne und Zuschauer:innen auf den Rängen, dazu ein klar strukturierter Stoff. Mit den legendären Herrscherinnen Maria Stuart und Elisabeth I. befasst sich „Two Queens“ am Metropol Theater.Freunde des Historiendramas dürfte es für rund 90 Minuten in maximal glückselige Geschöpfe verwandeln – nicht nur wegen den Protagonistinnen, sondern auch wegen der Kunst der Schauspieler:innen.
In einem dicht gewebten Kammerspiel schickt Regisseurin Mareike Marxdie von Gott erwählten Amts- und Würdenträgerinnen durch eine Zeitschleife, die am Grab der beiden Kontrahentinnen (LisaSchneider, Alexandra Suhr) in der Westminster Abbey beginnt und endet. Begleitet werden die hochkonzentrierten Schauspielerinnen von ausdrucksstarken Weggefährten (Vincent Heinen, Manuel Rittich). Als Grundlage dient dem Ensemble mit den lyrisch-blutenden Zeilen Friedrich Schillers und dem Scharfsinn Stefan Zweigs eine wahrhaft einschneidende Variante. Hier treffen europäische Geschichte und deren Reflexion auf individuelle Sehnsüchte. Machtanspruch und Angst schreiten dabei als Zwillinge Hand in Hand durch die Epochen. Imponierend ist, wie subtil Marx Neuerungen in einen jahrhundertalten Plot einbindet, ohne abstrakt zu werden. Betörend langsame Bewegungen, hörbare Blicke, sichtbare, unausgesprochene Gedanken sind in der Performance allgegenwärtig. Wenn man sich minutenlang mit geschlossenen Augen zur Nachahmung des dahindämmernden Seinszustands der Untoten hinreißen lässt, spricht das für die Magie des Abends. Die Körper selbst werden am Metropol zum Podium mitsamt tausender Kreaturen, die Geschichte schreiben und in ihr scheitern. Es entlarven sich sowohl Eitelkeiten als auch edle Gesinnungen, die fließend aus der Vergangenheit in eine Ich-bezogene Gegenwart übertragen werden. Musikalische Zwischenspiele am Akkordeon und Klavier samt Gesang und die Kostümpracht (Sunny Yuk, Maike Vierkötter, Nico Kammerhoff) sorgen im düsteren Gewölbe der Spielstätte für ein sinnliches Ereignis mit shakespearischem Odem.
„Two Queens“ huldigt der Ästhetik, öffnet zugleich Tiefen in Abgründe, die nicht auf den Reiseplänen stehen. Die Adaption erschüttert ohne Gewalt- oder Liebesszenen. Bedenklich erscheint die bewusst überzeichnete Figur des Erzählers, der wie ein Jahrmarktrufer oder Touristenführer durch die Produktion führt. Die (nicht gezeigte) Hinrichtung von Maria Stuart vermag vielleicht auch heute noch die Menschen zu faszinieren – aber natürlich findet nur Stuart Seelenfrieden durch die Enthauptung, während Elisabeth allenfalls kurzfristig triumphiert. Die Frage danach, wer in der Tragödie Heldin, Mörderin, Opfer, Täterin, Tyrannin oder gar Heilsbringerin ist,bleibt am Ende den Pilgern jenseits der Grabesstätten überlassen. Mit dem fiktiven Aufeinandertreffen unterstreichen die Theatermacher:innen aus der Südstadt dreierlei: Der Mythos lebt. Herzen trügen. Der Kopf allein entscheidet.
Two Queens | 2., 3., 15., 16., 17.7. 20 Uhr, 8., 9.10. 20 Uhr, 10.10. 16 Uhr + 20 Uhr, 11.10. 16 Uhr, 19., 20., 21.11. 20 Uhr, 22.11. 18 Uhr | Metropol Theater | 0221 26 04 03 89
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