Frage: Braucht es zur Demonstration der wesentlichen Werte Schwänze und Fick-Monologe auf der Bühne? Antwort: Unbedingt. Das Publikum muss an sich erinnert und von seinen ausgedachten Rollen hin in die Realität gestoßen werden. Die Wirklichkeit heißt „Trieb“. Das sehen nicht alle Zuschauer so. Im sanierten Rund des Schauspiel Köln verlassen einige Personen im Laufe der Aufführung ihren Platz, um Geschichten abseits des Spiegels zu folgen. Doch Sex reicht nie. Dazu gesellen sich in Lily Sykes' Adaption von Roland Schimmelpfennigs Stück zwei Pistolen, Schnaps, Wein, Torte, Regen, Geschrei. Neben den Protagonisten – einem Pärchen aus der Stadt und vom Land – flirren zudem ein gestiefelter Kater, ein Schädlingsbekämpfer aus einer Kleinstadt in Niedersachsen sowie Jugend-Erinnerungen durchs nebelverhangene Bildnis. Ferner gekochte Bohnen, verklebte Spagetti und Zigaretten en masse. Ein wenig Blut schäumt die wütende Tragödie durch Zeit aber ohne Halt gebenden Raum auf.
Der Prolog bleibt dennoch nüchtern. Die explizite Vorstellung des Plots anhand des Manuskripts lässt dabei Ich-Erzähler als auch auktoriale Sprecher im Dauerwechsel zu Worte kommen. Redundanzen und neue Variationen tanzen hier einen Tango ohne Berührung, sorgen aber für belebende Irritation. Was wäre, wenn …?, lautet ein wohl zu Ende formuliertes Anliegen, welches von Anbeginn die Erkenntnis verwirft. Was wäre, wenn eine Landmaus ihre verwandte Stadtmaus in der Metropole besucht? Die Tiere, die eigentlich doch Menschen heißen, sind Brüder mitsamt Partnerinnen. Sie haben sich Jahre nicht gesehen und arbeiten als Theatermacher und Schriftsteller erfolgreich oder ergebnislos vehement an der Inszenierung ihres eigenen Untergangs. Verwickelt in Alltagsgewohnheiten, Sarkasmus, Nostalgie, Missgunst, Ängsten, Stolz und Sehnsüchten nach verständnisvoller Harmonie breiten die Darsteller ihr Geflecht aus angespanntem Körper-Gewebe auf die weitläufige Bühne aus.
Dann der Bruch: Ein zweiter purpurner Vorhang gibt neue Einblicke preis. Das Schauspiel öffnet die Pforten der Hölle zur Revue und der Samstagabend-Unterhaltungsshow, in der die Moderatorin unvorbereitete Zuschauer befragt. Die Quoten verlangen Entertainment. Schließlich Fakten: Hose von Blutsbruder 1 vor allen runter. Auf, auf zum Geschlechtsverkehr mit der Freundin von Blutsbruder 2 als beste aller Drogen. Doch der Akt geht daneben. Nichts bewegt sich, weder zueinander hin noch in Richtung neuer Utopien. Mann wäre lieber einfach nur ein Jemand. Einer, den das Leben liebt. Falsch gehofft. Folglich sind andere schuld: Demokraten, Rechte, Linke, Wissenschaftler, Künstler, Fremde. Vor allem Letztere. Die naturverbundenen Mäuse werden in den pulsierenden Citys zu gejagten Ratten. Tollwütige Katzen und Heilsversprecher mit verführerischen Melodien auf den Lippen werden fette Beute machen. Vom Tag bleibt Nacht. Licht träumt woanders. Das Ensemble schleudert dazu mit vibrierendem inneren Chaos schwarze Galle in die Ränge. Der sowohl philosophisch als auch sozialpolitisch geprägte Stoff braucht Zeit zum Atmen, bevor er sich mit aller Wucht erbricht. Frage: Warum ist das so erhellend? Antwort: Weil wir es spüren können!
Tag und Nacht | 10., 18.11. 19.30 Uhr (weitere Termine folgen) | Schauspiel Köln | www.schauspiel.koeln
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