Sensationell ist das Gespür des Fotografen für den richtigen Augenblick inmitten der Passanten auf der Straße, in Geschäften oder Fahrzeugen, aufgenommen bevorzugt in Metropolen wie New York. In einem Bild von Garry Winogrand steht eine Frau im kurzen Rock auf dem Bürgersteig und hat in der rechten Hand eine Zeitung, gleichzeitig kommt ihr ein Mann im Büro-Anzug entgegen. Seine Eile wird durch den erhobenen Fuß deutlich, er selbst hat eine Zeitung unter den Arm geklemmt. Während die Frau vor dem Schaufenster eines Modegeschäftes unter der Markise steht, hat der Mann dunkel verblendete Fassaden im Rücken: Zwei Welten treffen aufeinander.
Auf einer Fotografie von Lee Friedlander verpassen sich ein Bauarbeiter und eine gestylte Frau zwischen den Glastüren eines Gebäudes. Während er in eine Drehtür eingezwängt ist, stöckelt sie nach draußen. Die Blicke sind zueinander gerichtet, aber führen aneinander vorbei. Durch die Scheiben sieht man noch das Geschehen auf der Straße. Derartige Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 1960er- und 1970er-Jahren sind kleine soziologische Beobachtungen, die soziale Aspekte betonen und die Gesellschaft analysieren und dazu Geschichten entdecken oder im Bildausschnitt erfinden. Und indem sie mit der Kamera Szenen im alltäglichen öffentlichen Raum erfassen, haben sie einen hohen dokumentarischen Reiz, teilen Informationen über Kleidung und Moden, Fahrzeuge oder Ereignisse im Stadtbild mit bis hin zu den Graffitis an den Hausfassaden.
Joseph Rodriguez, Pulaski Skyway, New Jersey 1984, Gelatinesilberpapier, Abzug 1988, 25,2 x 37,2 cm, © Joseph Rodriguez, courtesy Galerie Bene Taschen, Repro: Rheinisches Bildarchiv KölnDaraus ließ sich ein Genre ableiten, die Street Photography, „erfunden“ Mitte des 20. Jahrhunderts. Natürlich gab es schon davor Aufnahmen, die sich dem vorübergehenden Geschehen und den Ereignissen auf der Straße widmeten, natürlich auch außerhalb der USA. Wichtig für das Gelingen aber war die Entwicklung einer handlichen Kamera, die man möglichst im Verborgenen und zwar blitzschnell betätigen konnte, mit der man also unmittelbar reagieren konnte.
Natürlich gehört zur Qualität dieser Aufnahmen, dass sie komponiert sind, die Achsen und Schrägen berücksichtigen und das Bildfeld in Spannung halten. Mit Winogrand (1928-1984), Friedlander (*1933) und dem etwas jüngeren Joseph Rodríguez (*1951) stellt das Museum Ludwig nun drei der wichtigsten New Yorker Fotografen vor und weiht damit die neuen Fotoräume im ersten Obergeschoss würdig ein. Sie sind ein Segen für diese kleinformatigen, hinter Glas und in Passepartout gerahmten s/w-Fotografien. Mit ihren einzelnen Wandflächen beruhigen sie den Blick und verdeutlichen die Komposition weiter. Und dann entdeckt man viel, stellt die Vielzahl der Sujets und den oft hintergründigen Humor fest, auch das raffinierte Spiel mit den Lichtreflexen der Glasscheiben und Schaufensterflächen, das schon die hyperrealistische Malerei fasziniert hat. Der Betrachter folgt tatsächlich dem Blick der Fotografen, ist sozusagen „live“ dabei. Das ist erst recht bei Rodriguez der Fall, der aus dem Auto die ärmlichen Vororte fotografiert, Personen mitnimmt und nach ihrem Leben befragt. Mit ihm ist die Street Photography ganz im sozialen Bewusstsein angekommen. In der Street Photography wird nichts beschönigt, die Kamera lügt nicht.
Street Photography | bis 12.10. | Museum Ludwig | 0221 22 12 61 65
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