Installationsansicht „Smile! Wie das Lächeln in die Fotografie kam“, Museum Ludwig, Köln
Foto: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv / Mark Weber

Ein Lächeln auf den Lippen

16. Februar 2026

„Smile!“ in den Fotoräumen des Museum Ludwig – kunst & gut 02/26

Selten hat ein Satzzeichen so sehr Bedeutung wie in der Fotoausstellung im Museum Ludwig: Das Ausrufezeichen hinter dem Ausstellungstitel wirkt wie eine Anweisung. Was im Hinblick auf das Auslösen der Kamera zu verstehen ist, konterkariert doch die Leichtigkeit des Lächelns. Vor der Fotokamera wird wie auf Befehl gelacht, gelächelt oder eben nicht. In der Mimik des Porträts können sich Selbstbewusstsein, Gelassenheit oder Unsicherheit artikulieren und soziologische und biografische Hinweise erschließen. In ihren neuen Räumen im zweiten Obergeschoss des Museum Ludwig untersucht die fotografische Sammlung nun anhand von Aufnahmen aus dem eigenen Bestand, wie sich das Lächeln in der frühen Fotografie etabliert und an Ausdruck und Intensivierung gewonnen hat.

Dabei ist Lächeln nicht gleich Lächeln. Das gilt schon für Mona Lisa, mit deren Reproduktion auf einer Postkarte die Ausstellung eingeläutet wird. Dahingehend ähnlich wirkt das Farbporträt einer unbekannten Frau, das Friedrich Spitzer um 1900 fotografiert hat: Der gerade, leicht geöffnete Mund könnte auch als Nachdenklichkeit gedeutet werden. Das Lächeln, die Heiterkeit auch als Ausdruck von Selbstbewusstsein und nach außen getragener Gefühlswelt, hat sich erst allmählich in der Fotografie etabliert. In den 1920ern hat Karl Schenker das Porträt einer mondän gekleideten Dame in Berlin angefertigt, wohl im Auftrag, in dem er primär dienende Funktion hatte: Fotografie war ein Luxus. Zur Seite gewandt, sind hier Heiterkeit, Erstaunen und Lächeln schon deutlich formuliert. Schenker arbeitet Status, Repräsentation und die Zugehörigkeit zur Gesellschaft heraus. Einen etwas anderen Hintergrund hat das Porträt, das Hugo Erfurth 1929 von einer Frau im frontalen Gegenüber aufgenommen hat. Es ist ein Beispiel für Selbstbewusstsein, schon durch die Bubikopf-Frisur und den direkten Blick. Die Frau wirkt brav und emanzipiert zugleich, verstärkt durch die Doppeldeutigkeit der Mundlinie, die sich leicht nach oben krümmt und kalkuliert wirkt. Der Name wird genannt: Hildegard Seemann-Welcher, die Malerei bei Otto Dix studierte, eine der wenigen Künstlerinnen in dieser Zeit.

Es sind überwiegend Frauen, die hier fotografiert sind. Die Porträtfotografie vermag auch geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen zum Ausdruck zu bringen. Exemplarisch ist die jüngere Fotografie einbezogen. Thomas Struth porträtiert auf seiner großformatigen Farbfotografie „Familie Schäfer“ (1990), die Großbildkamera mag das Verhalten der Personen beeinflusst haben. Über die Repräsentation – die großzügigen weißen Räume, die Kleidung, die selbstbewussten Posen – arbeitet Struth die Mimik und die Gestik heraus, die die Männer über Generationen hinweg gemeinsam haben. Daneben tritt die Frau in ihrer gesellschaftlichen Rolle, ernst und gefasst. Wie können Lippen, der Mund, das Lächeln heute festgehalten werden? Ein Beispiel dafür bilden auf einem Papierausdruck fahle Wülste ganz ohne Gesicht, aber in dieses jederzeit zu implantieren: ein digitaler Auswurf der KI.

Smile! Wie das Lächeln in die Fotografie kam | bis 22.3. | Museum Ludwig | 0221 22 12 61 65

Thomas Hirsch

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