Benjamin Höppner (l.) und Philipp Plessmann in „Der Menschenfeind“
Foto: David Baltzer

Puppenstube für den Misanthrop

23. Dezember 2014

Zwischen Clowns und Klaus Nomi. „Der Menschenfeind“ in Köln – Theater am Rhein 01/15

Wie Zwerge sitzen die beiden Freunde am riesigen Tisch und lassen sich von Clowns bewirten. Scheinbar wie immer und scheinbar als ein Procedere wie jedes Jahr, ziemlich offensichtlich stand in der ersten Szene „Dinner for One“ Pate. Moritz Sostmann inszeniert „Der Menschenfeind“ von Molière in der großen Kölner Halle, Depot 2 als clowneske Posse mit fast schon zwanghaftem Interesse an der komischen Figur. Der adlige Alceste, wohl auch das Spiegelbild von Molière, schminkt sich dafür zu Beginn vor dem Spiegel erst einmal satt, während sein Freund Philinte kokett assistiert. Der Weißclown als Gottheit, der dumme August bleibt, was er ist. Die Zielrichtung ist klar, die bessere Gesellschaft, ein Alptraum für Alceste, ist ein Swimmingpool für den Rest der adligen Gemeinschaft, die ausschließlich aus Puppen besteht und die gern einmal Sonette dichten, die Zeit mit wichtigen Gesprächen vergeuden und sich ansonsten lieber um ihren Status innerhalb des Gefüges kümmern. Davon hält Alceste nichts, er hasst die Heuchelei, das Getue und falsche Spiel.

Und so scheint die Bühne tatsächlich visuell eine eher virtuelle Welt zu sein, Menschen und Puppen bewegen sich in der gleichen Realitätsebene, ständig beobachtet von einer großen schneeweißen Gips-Santa Muerta, die Liebe, Glück oder Dinge wiederbeschaffen soll, eben alle Sehnsüchte, die derMisanthrop verloren glaubt und die er von seiner Umgebung auch nicht mehr erwartet. Kalt ist die Gemeinschaft, auch wenn ständig ein Kachelofen versucht, für Wärme zu sorgen.Let me freeze again to death. Ausgerechnet Henry Purcells „Cold Song“ aus der „Frost“-Szene seiner King-Arthur-Oper strukturiert die barocke Handlung musikalisch. Das Enfant terrible der frühen 1980iger Klaus Nomi muss als Playback seinen Countertenor hergeben, wenn Alceste würdig durch die Szenerie schreitet. Ansonsten sucht Regisseur Sostmann bereits wieder den nächsten schenkelklopfenden Lacher mit und ohne die Puppen.

Sie werden ausgesprochen präzise und erschreckend lebensecht vom Ensemble gespielt und entwickeln dadurch ein geniales Eigenleben, wenn sie auch eher eine separate Welt aus dem Kleiderschrank bevölkern, in den sie nach Gebrauch auch wieder verschwinden müssen. Nur Menschenfeind Alceste, Benjamin Höppner spielt ihn tatsächlich so, wird selbst mal von drei Puppenspielern bewegt. Er klammert sich selbstgerecht nur noch an seine Liebe zu Célimène, die das zwar erwidert, sich aber gern auch mal auf die Piste begibt und den selbsternannten Weißclown-Gott eher an der langen Leine führt. Ein Brief bringt diese Liaison ins Wanken. Alceste ist außer sich. Pause.

Danach beginnen die Dark Nights des Barock. Die Welt liegt in Trümmern, Santa Muerta in Stücken am Boden. Draußen tobt der Wahnsinn am Rolltor. Der Menschenfeind ist zum bösen Clown geworden, zum Joker in der Maske von Heath Ledger. Alle anderen Diener-Clowns und selbst die Puppen müssen flüchten. Alles gleitet in Klamauk ab, der Souffleuse wird das Textheft entrissen, mit Brandsätzen jongliert. Der Hass demontiert die letzten Reste des Weißclowns. Bravos und Buhs.

„Der Menschenfeind“ | R: Moritz Sostmann | Mi 7.1., Di 13.1., Mi 14.1., Mi 21.1., Di 27.1. 20 Uhr, So 25.1. 19 Uhr | Depot 2, Schauspiel Köln | 0221 22 12 84 00

PETER ORTMANN

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