Nicole Nagel
Foto: Nikola Tacevski

„Wir führen keine Monster vor“

25. September 2025

Regisseurin Nicole Nagel über „Aufruhr der Stille #MeTooInceste“ am Orangerie Theater – Premiere 10/25

Die Soloperformance mit Taly Journo setzt sich mit den Folgen und der Verarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kindheit auseinander.

choices: Frau Nagel, wie laut wird „Aufruhr der Stille“ bzw. wie laut müsste es werden, um gehört zu werden?

Nicole Nagel: Interessante Frage. Ich würde sagen, im Findungsprozess dieser Arbeit ist es immer leiser geworden. Und darin liegt die große Kraft. Mir war es wichtig, kein anklagendes Stück zu machen, wo eine Person das Opfer ist, und ihr Opferdasein den ganzen Abend dem Publikum entgegenwirft. Das wollte auch das Team nicht. Das Stück ist erstaunlicherweise gar nicht so laut.

Das Hören klingt ja schon im Titel an. Wie setzen Sie den Stoff visuell um?

Ich arbeite künstlerisch mit traumatherapeutischem Hintergrund. Die Umsetzung ins Künstlerische war mir sehr wichtig. Es gibt Videos. Ann-Kathrin Pauli war von Anfang an als verantwortliche Person für die Visuals dabei. So gab es beispielsweise Kinderbilder von der Person, die auch performt. AK hat schlichte, schöne Zeichnungen für die Projektionen angefertigt. Originalbilder wollte ich nicht.

Die Premiere ist die erste Inszenierung am neu sanierten, barrierefreien Orangerie Theater. Was wird dort anders sein als an anderen Spielstätten?

Wir brauchten eine Spielstätte, die eine 360 Grad-Bühne möglich macht. Wir wollten damit die klassische Trennung zwischen Darsteller:innen und Publikum aufheben. Wir verfolgen das Prinzip der „relaxten“ Performance, das heißt, es gibt unter anderem auch Sitzkissen auf dem Boden, man kann rein- und rausgehen. Draußen haben wir ein Awareness-Team

Welche Aufgabe haben diese Leute?

Die Idee des Awareness-Teams ist aus linken, feministischen Bewegungen entstanden, die einen einen sicheren, respektvollen Raum gewährleisten und Menschen vor Gewalt schützen soll. Die Teams bestehen aus erfahrenen Menschen vom Yaya e.V., die sich mit dem Sujet „Achtsamkeit“ auskennen. Sie kümmern sich um Zuschauende, die Hilfe benötigen, zum Beispiel, weil ein Mensch während der Performance getriggert wurde, sich nicht mehr sicher fühlt. Dadurch müssen die Personen nicht nach Hause gehen, sondern können in einem gesonderten Raum wieder ins „Okay“ kommen und dann das Stück weiterverfolgen oder können regulierter nach Hause gehen. Das sind keine therapeutischen Sitzungen. Es findet vielmehr ein Abgeholtsein, ein Nichtalleine-gelassen-Werden statt.

Warum werden die Folgen sexuellen Missbrauchs immer noch tabuisiert?

Die Traumaforscherin in mir würde sagen, „Verdrängung“, weil es so schrecklich ist und wegen bestehender Machtstrukturen. Wir führen in dem Stück jedoch keine Monster vor, wollen nicht mit dem Finger auf Leute zeigen, denn das verschließt. Wir möchten dieses Tabu angehen und ausdrücken, dass wir da alle drin sind. Die Scham ist so groß, aber sie muss die Seite wechseln. Gesunde Scham ist dazu da, meinen Kurs zu ändern, beispielsweise, wenn ich gewalttätig war. Laut Umfragen betrifft sexuelle Gewalt circa zwei Kinder in jeder Schulklasse. Es passiert jeden Tag, in vielen Wohnungen, jetzt, in diesem Moment. Das wird sich nicht verändern, wenn wir mit der Verdrängung weitermachen. Wir wollen zeigen, was mit Seele passiert – von der Verdrängung mit dem Geschehenen zu überleben bis zur Möglichkeit der Selbstermächtigung. Man muss dabei klar sagen, dass Problem ist unser Macht-Dominanz-System. Die meisten Täter sind Väter, Onkel, Nachbarn, Lehrer. Es geht nicht um sexuelle Befriedigung, sondern um Macht.

Was mussten die Ensemblemitglieder für die Rollen mitbringen?

Es gibt nur eine Person, die performt: Taly Journo. Taly hat das gesamte Team ausgesucht und ist selbst betroffen.

Was haben Sie im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Stoff gelernt?

Eine Sprache dafür zu finden. Wir haben mit unserem Kooperationspartner, dem Kinderschutzbund, regelmäßig Gespräche geführt. Wie spricht man über sexuellen Missbrauch an Kindern? Das habe ich gelernt. Das braucht Zeit, Achtsamkeit und Öffnung. Jeder hat sich dabei im Probenprozess sehr „committed“ (übers.: engagiert).

Sind weitere Termine neben denen in der Orangerie und der Tanzfaktur geplant?

Momentan sind noch keine Folgeaufführungen geplant. Es gab aber bereits Gespräche mit der Orangerie, dass wir „Aufruhr der Stille …“ nächstes Jahr wieder zeigen wollen. Es ist eher eine finanzielle Kraftfrage. Das Team ist mehr als bereit, weil wir solch eine krasse Arbeit mit möglichst vielen Menschen teilen wollen.

Aufruhr der Stille #MeTooInceste | ab 16 Jahren | Orangerie Theater | 3. (P), 4., 5.10. | Tanzfaktur | 16. - 19.10.

Interview: Thomas Dahl

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