„wirklich sehen“ in Teil I, mit Cardinal Sessions
Foto: L. Rothenberg

Mit den Ohren sehen

29. Oktober 2015

„Stimmen der Dinge“ im King Georg – Theater am Rhein 11/15

Ich bin blind. Meine Garderobe hätte ich noch sehenden Auges abgeben dürfen, danach nichts mehr – nur noch Dunkelheit. Meine Augen sind mit einem schwarzen Tuch verbunden und ich werde an den Händen zu einem Tisch im King Georg geführt. Die Bar hört sich gut gefüllt an, überall wird geplappert, Sicker Man und Kiki Bohemia liefern den Live-Soundtrack dazu. Ich lande am Tisch mit Arne, Helle und Ingrid: Vier Blinde machen Smalltalk. Bis auf Barkeeper und Helping Hands sollen alle im Raum eine Augenbinde tragen.

Die Konzentration auf den Gehörsinn macht das Plaudern zwar nicht leichter, aber ich bin trotzdem erstaunt über meine akustische Wahrnehmung. Irgendwann werden Helle und Arne weggeführt und ich spreche mit Ingrid, die demnächst in den Vorruhestand geht, über das Rentnerdasein, erzähle von meinem Vater. Dann landen wir beim Thema Arbeit als Freiberufler und plötzlich entpuppt sich Ingrid als Mutter von Katharina Sandner, die mit Julia Dick das Duo katze & krieg bildet und für den Abend „wirklich sehen“ mitverantwortlich ist. Es ist der erste der von Drama Köln konzipierten, vierteiligen Reihe „Die Stimmen der Dinge“, die alle zwei Monate verschiedene Formen von Livehörspiel-Performances vorstellt.

Ich lande dann später an der Bar bei Andreas Maier von der Theatergruppe subbotnik. Wir plaudern über seinen Nebenberuf als Hochzeitsredner und über die ‚déformation professionelle‘ als Kritiker. Schließlich werde ich, immer noch blind, auf die Straße verfrachtet und finde mich in einem Gespräch mit zwei Jura-Studenten wieder, die im Examensstress sind und sich als Ausgleich den Spionagefilm „Codename U.N.C.L.E.“ ansehen wollen. Der Kontakt ist auch hier unkompliziert, die Probe aufs Vertrauen in den urbanen Stadtraum und seine Akteure verläuft leichter als gedacht. Als ich nach 90 Minuten endlich die Binde abnehme, stehe ich alleine vor dem Metropolis-Kino, glücklich, meine Augen wiederzuhaben.

Theater als Erfahrung für den Zuschauer, weniger als Erkenntnis, so muss man das wohl zusammenfassen. Im November kommt Julie Pfleiderer, danach die Acting Accomplices und schließlich Philine Velhagen.

„Die Stimmen der Dinge II / jetzt aber später“ | R: Julie Pfleiderer | King Georg | 26.-28.11. 20 Uhr | 0177 654 54 68

Hans-Christoph Zimmermann

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