Marcus J. Bachmann in „Man kann auch in die Höhe fallen“
Foto: Oliver Strömer

Muttärr! Oder: Dschungelbuch in Ulm

29. September 2025

„Man kann auch in die Höhe fallen“ am Theater Der Keller – Auftritt 10/25

Julie Grothgars Bühnenadaption von Joachim Meyerhoffs Roman „Man kann auch in die Höhe fallen“ ist ein gehetzt niedergeschriebenes, reimfreies Poem mit bizarren Tier-Mensch-Gott-Metaphern, durchs Papier gejagt von zerfledderten Federn, stets getaucht in liebenswürdigen Wahnsinn. Bei der Premiere im Theater der Keller sorgt es für hörbare Verwunderung und letztlich die Überwindung des Sitzens. Das ist der Lohn für die Hochgeschwindigkeits-Selbstreflexionsorgie des Protagonisten Meyerhoff, der von Schauspieler Marcus J. Bachmann auf die Bühne gewuchtet wird. Meyerhoff ist tragisch, suspekt, in sich unglücklich verliebt, verloren, zum Schreiben oder Spielen verdammt, kommt kaum zur Ruhe und ist eigentlich nie präsent. Wie das Licht eines Sternes, der bereits vor Jahrmillionen verglüht ist, unser Auge aber erst nach langer Zeitreise erreicht, weilt Meyerhoff alias Bachmann bereits in anderen Sphären. Stets in seiner Atmosphäre: die Mutter. Jene gönnt sich auch im hohen Alter einen alternativen Lebensstil auf dem Land und scheint das verzweifelte Streben der Individuen nach höherer Bedeutung und deren Lebenskrisen zu verlachen.

Kindheitserinnerungen und frühere Karriereambitionen als Ensemblemitglied für die Inszenierung von Rudyard Kipplings „Dschungelbuch“ in Ulm leiten das Publikum zielsicher in sentimentale bis groteske Gefilde. Etwa wenn die Schlange Kaa als Femme Fatale in einer revueartigen Szene an Girlanden von der Spielstättendecke herabgelassen werden soll oder ein ständig masturbierender Priester in antiker römischer Kriegerbekleidung beim fünften Orgasmus im Beichtstuhl dahinscheidet. Bildnisse aus vergilbten Fotoalben, Dauerwerbesendungen für hochwertigen Kunstrasen, ein Audio-Archiv mit dem Applaus der vergangenen Jahrzehnte, ein Kühlschrank mit eingebautem Rock ‘n‘ Roll-Radiosender, ein Potpourri bestehend aus Talkshow-Auftritten des hochpopulären Darstellers/Schriftstellers und die stete Interaktion mit dem imaginären Produktionsteam während der Proben lenken furios gespielt von der eigentlichen Aussage des Stücks ab: Man kann auch in die Höhe fallen und dabei umkommen – oder sich von allem entfernen. Meyerhoffs Schlaganfall mit zeitweiliger Lähmung der linken Körperhälfte im Alter von einundfünfzig Jahren wird dabei mehr als einmal erwähnt.

All dies wird von Regisseurin Grothgar und ihrem Hauptdarsteller in einer Überlagerung von überwältigender Bühnenpräsenz, Video- und Audioeinspielungen zu einem im wahrsten Sinne des Wortes nicht zu fassenden Lebensrausch in 90 Minuten auf die Zuschauenden und Mitfühlenden losgelassen. Die prägnanten Kurzauftritte der herbeigesehnten Mutter (Ana Poli) beruhigen das wilde Herz eines ewig Blutenden. Fragen? Antworten vor Ort.

Man kann auch in die Höhe fallen | 11., 12., 25., 26.10. | Theater der Keller in der TanzFaktur | 0221 31 80 59

Thomas Dahl

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