Ach komm, da geht noch was!
Foto: stokkete/Adobe Stock

Klassenkampf von oben

30. April 2026

Teil 2: Leitartikel – CDU und SPD wenden sich gemeinsam gegen arbeitende Menschen

 

Laut einer Befragung aus November 2025 sprachen 29 Prozent der Befragten der CDU die höchste Wirtschaftskompetenz zu. Auf den Plätzen folgen mit elf Prozent die AfD und mit kläglichen acht Prozent die SPD. 28 Prozent konnten hingegen bei keiner Partei ausreichende Wirtschaftskompetenz erkennen. Dennoch wirken die 29 Prozent für die CDU wie ein Mysterium. Denn mehr als Arbeitnehmerbeschimpfung und schamlosen Klassenkampf von oben, hat die CDU derzeit nicht im Köcher.

Im August 2025 trompetete Kanzler Friedrich Merz (CDU): „Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar.“ Im Januar folgte die Unterstellung, die Beschäftigten „feierten“ übermäßig oft krank. Ende Januar trat Gitta Connemann, Chefin der Mittelstands- und Wirtschaftsunion in der CDU, nach und forderte ein Verbot sogenannter Lifestyle-Teilzeit. Beschäftigte sollten nur noch dann in Teilzeit buckeln dürfen, wenn sie Kinder erziehen oder Angehörige pflegen.

Unfreiwillige Teilzeit

Nun ist das ironischer- und zynischerweise aber schon heute der häufigste Grund, warum vor allem Frauen vermehrt auf Teilzeitstellen sitzen. Zudem leisten sie mehr Care-Arbeit und arbeiten häufiger als Männer in Sektoren wie dem Handel, in dem viel unfreiwillige Teilzeit vorherrscht.Insbesondere große Handelsunternehmen sind dafür bekannt, ihren Mitarbeitern regelmäßig Vollzeitstellen zu verwehren, weil sich mit vielen Teilzeitkräften Dienstpläne flexibler gestalten lassen. Für die Beschäftigten bedeutet das nicht selten, mit Sozialleistungen aufzustocken, weil eine Teilzeitstelle im Handel kein auskömmliches Monatssalär einbringt. Und an die daraus resultierende Altersarmut ist da noch nicht einmal gedacht.

Bizarre Forderungen

Umso erstaunlicher, dass nun auch noch der Vorsitzende der selbsternannten „Arbeitnehmerpartei“ SPD und Bundesfinanzminister, Lars Klingbeil, sich in Klassenkampf von oben übt: „Wir werden als Gesellschaft insgesamt mehr arbeiten müssen“, sagte Klingbeil Ende März bei der Bertelsmann Stiftung. Eine Forderung, die angesichts von rund 1,3 Milliarden Überstunden in 2025 bizarr anmutet. Mehr als die Hälfte davon wurde unentgeltlich geleistet – Mehrarbeit also, die den Unternehmen von den Beschäftigten geschenkt wurde! Der monetäre Gegenwert der Überstunden liegt bei geschätzten 30 Milliarden Euro und entspricht rund 750.000 Vollzeitstellen. Konkret schweben Klingbeil für einen neuen Wachstumskurs ein gesteigertes Arbeitsvolumen und eine längere Lebensarbeitszeit (ergo: Rentenkürzung) vor. Angesichts von rund drei Millionen Arbeitslosen und steigenden Zahlen bei den Krankschreibungen – nicht selten wegen Erschöpfungssymptomen – wirkt die Forderung nach Mehrarbeit absurd.

Blanker Hohn

Auch in den Ohren der Arbeitslosen, auf die der Druck, jede noch so beschissene Arbeit aufzunehmen, geradezu minütlich durch die Regierung gesteigert wird, müssen Klingbeils Worte wie Hohn klingen – wenn sie überhaupt noch zuhören. Auch die von Klingbeil apostrophierte längere Lebensarbeitszeit geht treffsicher am Ziel vorbei, wenn man bedenkt, dass die Leute ja heute schon im Schnitt mit etwas mehr als 64 Jahren aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Der Grund: Sie sind oft gesundheitlich am Ende oder durch Stress ausgebrannt; zudem versuchen nicht wenige Unternehmen regelmäßig, ältere Arbeitnehmer loszuwerden und durch günstigere junge zu ersetzen. Auch dürfte niemand der Frühruheständler ohne Zähneknirschen auf rund 150 Euro monatlich bis an sein Lebensende verzichten – so heftig schlägt sich nämlich der frühere Renteneintritt im Portemonnaie nieder.

Bernhard Krebs

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