Alt-Keyenberg, Keyenberg (neu) und nun Keyenberg 3. Das zu Erkelenz gehörende Dorf im Kreis Heinsberg erlebt in einer Koproduktion von Analog Theater und studiobühneköln seine Heilige Dreifaltigkeit. Die Premiere in der TanzFaktur sprengt dabei ein gigantisches Loch in die Hoffnung nach Gemeinschaftlichkeit. Anhand von fünf unterschiedlichen Charakteren lässt Regisseur Daniel Schüßler die Idee von Heimat in einem toxischen Gemisch aus gesellschaftlichen Ideologien grandios scheitern. Hier prallen Traditionsgebundenheit, radikaler Aktivismus, Modernismus und ausufernder Kapitalismus vehement aufeinander.
Als Aussichtspunkt dient die zum Untergang bestimmte Ortschaft am Rand des Braunkohletagebaus Garzweiler. Während viele der Bewohner mit Abfindungen des RWE-Konzerns Ende 2016 zur Umsiedlung bewegt werden konnten, blieben einige Menschen mit Umweltschützern respektive Besetzern des Areals zurück. Nach dem Bundesbeschluss zur Abkehr von fossilen Brennstoffen erlebte Keyenberg (alt) einige Jahre später seine Wiederauferstehung.
In der rund zweistündigen Inszenierung vergrößert sich die Kluft zwischen Systembefürwortern und -gegnern minütlich. Zusammengepfercht in einem Abgrund aus persönlichen Ängsten sowie Sehnsüchten wird bedächtig bis hysterisch ein Vorhof zur Hölle gesät, der das Fundament der Zukunft verdichtet. Sein Wuchs: Missgunst, Neid, Hass, Egoismus, Verlorenheit. Die weitläufige Bühne in der TanzFaktur bietet dafür den perfekten Rahmen, öffnet sie doch der bestimmenden Dunkelheit sämtliche Pforten. Im Staub der ständig bröckelnden und einstürzenden Fassaden vernebeln Suchscheinwerfer den Blick auf das, was scheinbar richtig oder falsch ist. Über den Köpfen zündeln die Rotoren von Hubschraubern und die Triebwerke der Suchflugzeuge am Optimismus auf eine baldige Rettung aus dem Dilemma. Doch die Bodenlosigkeit triumphiert.
Selten gelang das Abbild einer selbstverschuldeten Ausweglosigkeit so klar wie in „Keyenberg 3“. Die Doktrin eines unbedingten Wohlstands um jeden Preis entkleidet sich im lautstarken Werk zur sakralen Heilsversprechung des trügerischen Verzichts, der lediglich um einige Dezibel leiser ins selbst geschaufelte Grab führen wird. Die Menschen sterben hier an Verstopfung, ausgelöst durch materielle Geilheit, dem Überfraß von Status-Symbolen oder an der Unterernährung von Utopien. Die Spiegelung der Verhältnisse – auch im Hinblick auf das gesellschaftliche Demokratieverständnis im Land – blendet mitunter schmerzlich und wirft den Betrachter auf seine eigenen bedenklichen Bedürfnisse zurück. In der sehr direkten, einfachen Sprache der Produktion offenbart sich das Problem nicht im Konsum, den Gütern oder Ressourcen an sich, sondern im Menschen mit seiner beschränkten Kommunikation und noch minderwertigeren Empathie. Mit diesem Konstrukt spielt das Ensemble meisterhaft, schleudert es durch die Unterwelt, lässt es an den Rändern abprallen und züchtet es für einen erneuten Amoklauf gegen die subjektiven Missstände. Mit einem libidinösen Höhepunkt angesichts der überwältigenden Potenz vom größten Schaufelradbagger der Welt lässt das brachiale Stück sein Publikum hoch erregt zurück.
Keyenberg 3 | 19., 20.3. 2027 | Schauspiel Köln, Depot 2 | www.analogtheater.de
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