
„Das war einfach zu viel. Du weißt, du musst meine Entscheidung akzeptieren. Oder es wird noch viel unschöner enden.“ Sie schaut mich an. „Es tut mir leid.“
Es tut ihr leid? Am Arsch tut es ihr leid. Ich hasste alles an ihrem Vortrag. Die kurzen Sätze. Die betonten, vorgeschobenen Emotionen. Dass sie mich duzt.
„Noch einmal“, beginne ich, „ich habe lediglich, wie es meiner Zunft, der Wissenschaft, alter Brauch und Sitte ist, meine Vorlesung auf mehr als eine Stunde ausgedehnt, da ohne den entsprechenden Kontext der Komplexität des Themas nicht genügend Rechnung getragen würde.“
Die Dekanin zuckte bei den Wörtern „Kontext“ und „Komplexität“ sichtlich zusammen. „Und jetzt von mir, auch ein letztes Mal …“, sie hielt ein Tablet mit einem Listical hoch und las vor:
„Keine Vorlesung länger als 45 Minuten
Pro Vorlesung 2-3 Themen behandeln
Relatable bleiben
Emotionen triggern
Klare Message vermitteln
Am Ende jedes Themas: Call to Action für Likes
und nun zu den Richtlinien für einfache Sprache … “, fuhr sie fort.
Klarheit, undifferenziert
„Aber“, unterbrach ich sie, „wie sollen die Studierenden denn so differenzieren lernen, um verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen zu können?“
Meine Vorgesetzte verzog wieder mindestens zwei Mal das Gesicht. „Es gibt nichts zu differenzieren. Du bist Dozent, um klare Meinungen vorzugeben.“
„Aber gerade bei dem letzten Thema herrscht in der Forschung eine lebhafte Debatte. Der Gegenstand wirkt auf den ersten Blick paradox, mindestens kontrovers …“
„An unserer staatlichen Hochschule gibt es keine Widersprüche, mein lieber Elias. Du vermittelst das, was die Wissenschaft weiß.“
„Aber es gibt nicht ‚die‘ Wissenschaft, das wissen Sie … weißt du doch selbst. Es ist alles Diskurs, und der mündige Mensch vermag Widersprüche auszuhalten.“
Krachender Umgang
„Ich denke, ich habe alles gesagt, und ich hoffe, dass ich von dir keine weiteren Widersprüche hören muss. Denn bei uns gibt es keine Widersprüche.“ Ihre Stimme bebte leicht, wie bei einem trotzigen Kind. „Und auch keinen toxischen Elitarismus. Da ist die Tür. Du bekommst noch eine Mail.“
Ich schwieg und drehte mich um. Gerade als ich die Tür zuziehen wollte, fielen der Dekanin wieder die university communication guidelines ein. „Es tut mir leid“, sagte sie. Krachend fiel die Tür ins Schloss.
Den Campus überquerend erblicke ich sie, die Studierenden. Ihre Smartphones studieren sie, sonst nichts. Immerhin studieren sie nicht nur im Hörsaal, sondern rund um die Uhr, sowohl in öffentlichen Verkehrsmitteln als auch auf dem Fußweg zwischen Seminarraum und Mensa. Plappern nach, was ihre Lieblings-Influencierenden ihnen vorkauen. Einige davon sind meine Kolleginnen und Kollegen. Andere sind Politikerinnen und Politiker. Sie sind nicht elitär, schon gar nicht auf toxische Weise, denn sie verbreiten Meinungen von ihrem Wohnzimmer aus, im kumpelhaften Duz-Ton. Sie sagen Dinge wie „Kant war lowkey deep“ oder „5 Gründe, warum der Nahe Osten cooked ist“.
Ekel-gebeugt
Ein Student läuft mir entgegen, eigentlich ein großgewachsener junger Mann, doch das Langzeit-„Studium“ hat seinen Nacken gebeugt, sodass er mir gerade bis zur oberen Brust reicht – mit der sein Kopf auch prompt, ob seiner Unaufmerksamkeit die physische Welt betreffend, kollidiert. Kurz schaut er auf, sein Blick wandert hoch bis zu meiner Nase, höher vermag sein Nacken seinen Kopf nicht zu heben. Womöglich ist es auch das seiner Generation eigene absolute soziale Unvermögen, welches ihn daran hindert, mir in die Augen zu sehen. Doch seine Mundwinkel, die Runzeln seiner Stirn, sie drücken Vorwurf, ja einen Hauch von Empörung und vielleicht sogar Ekel aus. Dabei war es doch er, der mich angerempelt hat.
Dies sind nicht meine Zeiten, denke ich mir. Dies ist nicht mein Ort. Ich gehöre nicht hierher. Wie passend, dass in meinem Postfach bereits eine E-Mail mit dem Betreff „Deine Career Offboarding Experience beginnt“ wartet.
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