Während in Deutschland die Arbeitslosigkeit sinkt, steigen in Griechenland oder in Spanien die Zahlen ins nicht mehr Vorstellbare: 20 bis 25 Prozent beträgt dort die Quote. Ein Wert, der hierzulande panische Erinnerungen an die Weltwirtschaftkrise der späten 1920er Jahre wecken würde. In dieser Zeit, genauer 1932/33, ist die soziologische Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ entstanden. Am Beispiel dieses Ortes bei Wien, in dem um 1930 eine Textilfabrik geschlossen wird, untersuchen die Forscher Marie Jehoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit.
Die Gruppe Futur3 hat sich zusammen mit der Regisseurin und Ökonomin Judith Wilkse aus der Studie eine Spielfassung destilliert. In einer stillgelegten Schlosserei in Lindenthal, deren lange Geschichte an den schrundigen Wänden abzulesen ist, führen die Schauspieler Irene Eichenberger, Stefan H. Kraft und Pietro Micci an einem Stadtmodell mit Fabrik und kleinen Häusern in die Geschichte des Ortes und der Studie ein. Häuser werden herausgeleuchtet, Geräusche sorgen für Atmo, es werden soziologische Befunde zitiert: Drei Viertel der Bevölkerung, also 478 Familien, beziehen Arbeitslosengeld; es werden Einkaufslisten und Finanzbudgets vorgestellt, es gibt kaum Gemüse, dafür aber viel Kaffee und Kartoffeln, es geht um Hunger und Mangelernährung. Anhand von kleinen Videofilmen mit Playmobilfiguren werden Familienverhältnisse demonstriert. Es ist eine theatrale Vogelschau, eine Draufsicht, die Distanz, auch historische Distanz wahrt – was zunächst gut funktioniert. Im zweiten Teil zoomt die Inszenierung von Andre Erlen dann heran. Die Zuschauer sitzen in einem Nachbarraum zwischen Palettenbergen. Studienergebnisse wechseln mit Spielszenen. Da sieht man dem Zerbrechen einer Familie zu: Der Mann kapituliert vor der sich endlose dehnenden Zeit, die Ehefrau versucht, Haushalt und Familie am Laufen zu halten; Unordnung frisst sich ein, Ordnungsgefüge lösen sich auf. Das Heranzoomen an Einzelschicksale bleibt allerdings auf halbem Weg stecken, die pathetische Verzweiflung kollidiert mit dem statistischen Material, die Figuren wirken wie Belege sozilogischer Thesen. Am Ende erweist sich die Konzentration auf die Studie als Spielmaterial doch als Beschränkung.
„Ortschaft: Abgeschaltet“ von Futur3 und Judith Wilske | R: Andre Erlen | Alte Schlosserei Lindenthal | keine Termine | www.freihandelszone.eu
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