„American Psychosis“
Foto: Ingo Solms

Immer im nämlichen Rock

30. November 2017

„American Psychosis“ an der Studiobühne – Theater am Rhein 12/17

Latte Macchiato würde passen. Dieses nach dem Soziologen Tilman Allert geschichtete Getränk, das den anstrengungslosen Übergang der Adoleszenz verspricht: nicht mehr ganz Milch und noch kein reiner Kaffee. Die drei Figuren in „American Psychosis“ von Silvia Werner bevorzugen allerdings eher rote und grüne Flüssigkeiten. Alles metaphorisch aufgeladen und filmisch induziert natürlich. Wie das Setting. Es ist Blade-Runner-1-Wetter und das Trio trifft sich in einem leeren Saal. Drei Barhocker, viele leere Gläser, Flitter wie nach einer Party. „The End“ strahlt von der Rückwand, darunter allerdings die Frage, ob man nicht eine neue Welt als Projekt entwerfen möchte. Über der Szene liegt die dürre Ahnung von Sartres „Geschlossene Gesellschaft“, ein Entkommen gibt es nicht. Das Aufeinandertreffen animiert zur Selbstdarstellung, wobei die Figuren selbst schon Klischee sind: Der selbstgewisse Draufgänger mit hohem Frauenverschleiß trifft auf den analysierenden, entscheidungsfeigen Intellektuellen und die flachgebürstete Feministin mit ihrer Unterscheidung von Dauerspritzern und Nestbeschmutzerinnen.

Die Akte der Selbstdarstellung, der Auseinandersetzung, der Versöhnung illustrieren das Ringen um „die Möglichkeit“: Man wirft sich auf den Boden und greift vergeblich danach. Die Möglichkeit der Veränderung wird verfehlt, im eigenen Leben und auf gesellschaftlicher Ebene sowieso. Eigentlich aber ringt das Trio pausenlos plappernd um das Arrangement, das die Gesellschaft jedem anbietet: ihr stählernes Gehäuse samt ihrer monotonen Regeln zu akzeptieren und damit Teil von ihr zu werden – oder sie zu bekämpfen. „Ja, wahrhaftig, es war mir zuletzt langweilig. Immer im nämlichen Rock herumzulaufen und die nämlichen Falten zu ziehen“, sagt Danton bei Georg Büchner. Revolution war allerdings gestern, heute ist Projekt. Und nicht mal das. Silvia Werners Abend ist bei aller Ironie der Versuch, den Zuschauern das Arrangement „kritisch“ schmackhaft zu machen. Das Theater als Therapie der Twentysomethings. Es fehlt am Ende nur noch der Latte Macchiato.

„American (♠) Psychosis – a TXT after 2 a.m.“ | R: Silvia Werner | 4.-7.4. 20 Uhr  | Studiobühne Köln | 0221 470 45 13

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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