Es ist keine Absicht, als Yrsa einen Professor ihrer Uni tötet. Sie will lediglich eine Freundin rächen und schnippt eine Biene in seine Limonadenflasche. Dass er allergisch ist, wusste Yrsa nicht. Niemand macht sie für das tragische Ereignis verantwortlich. Und so ist da vor allem eine Befriedigung, ein Hochgefühl, das Yrsa die nächsten Tage und Wochen begleitet. Das größte Problem daran: Es ebbt irgendwann ab.
Aus diesem ersten Todesfall entwickelt sich eine Serienkiller-Erzählung, in der Yrsa parallel zum Schreiben ihrer Dissertation nun immer wieder planvoll vorgeht. Die Mordmotive gehen auf weibliche Wut zurück – Wut auf eine Gesellschaft, die Frauen nach wie vor systematisch benachteiligt, und Wut auf Diskriminierung, die Women of Colour zusätzlich erfahren. Dabei führt Thompson Lesenden etwa vor Augen, wie müde Letztere sind, ihren weißen Kolleg:innen trotz Diversity-Trainings immer noch zu erklären, warum es geschützte Räume für Austausch untereinander braucht. Hinsichtlich einer Wut gegenüber patriarchalen Machtstrukturen legt Thompson zunächst den Finger in die Wunde akademischen Machtmissbrauchs: Der Professor, der eine Studentin verführt, um anschließend ihre Forschungsarbeit in seinem Namen zu publizieren, ist der Ausgangspunkt für den ersten, versehentlichen Mord.
Es ist ein kluger und abgründiger Roman, der fragt, ob die Wirkung mehr zählt als die Absicht. Thompson erzählt gewitzt und temporeich. Sie wechselt mühelos zwischen sexuell expliziten Szenen und den intellektuellen Überlegungen ihrer Protagonistin und verdichtet zunehmend die Planung der nächsten Tat mit der Argumentation der fiktiven Dissertation: Aus der theoretischen Bearbeitung von Gewalt und Befreiungsdiskursen wird ein Experiment, das wiederum Auswirkungen auf theoretische Überlegungen hat. Genau diese Entwicklung ist das Spannende an dieser Erzählung, es geht weniger um überraschende Wendungen. Mitunter gerät die Arbeit an ihrer Dissertation ins Stocken, doch Yrsa kommt mit erstaunlich vielen Morden davon und holt sich so die nächste Hochphase. Bis auf einmal unter zahlreichen belanglosen Institutsmails eine E-Mail in ihrem Postfach landet, von der sie sich ertappt fühlt.
Imani Thompson: Honey | A. d. Engl. v. Asal Dardan | Rowohlt Hundert Augen | 416 S. | 25 €
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