„Hiob“
Foto: Thilo Beu

Im Netz von Zar und Marilyn

26. Februar 2015

Choreographischer „Hiob“ nach Joseph Roth in Bonner Kammerspielen – Theater am Rhein 03/15

Die Welt ist ein riesiges Spinnennetz, darin gefangen Mendel Singer und seine Familie. Anfangs haben sie sich darin arrangiert, turnen hindurch, planen die Zukunft. Doch die Schatten sind lang und werden diese Familie begleiten.Sandra Strunz inszeniert am Bonner Theater Joseph Roths 1930 erschienenen Roman „Hiob“, in dem die Geschichte der russisch-orthodoxen Judenfamilie Singer vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs erzählt wird. Wie sein biblisches Pendant mussMendel Singer in seinem Glauben Schicksalsschläge ertragen, die weit über die Grenzen menschenmöglicher Leidensfähigkeit zu reichen scheinen, manches hat er aber auch selbst zu verantworten. Gott hilft gerne denen, die sich selbst helfen, das Argument seiner Frau Deborah (Sophie Basse) verwirft der konservative Toralehrer und erträgt die Bürde bis zu einem finalen Punkt.

Strunz legt viel Augenmerk auf die einzelne Person und ihre Interaktionen. Mit viel choreografischem Beiwerk, zwei ausgezeichneten, immer mitagierenden Bühnenmusikern (Rainer und Karsten Süßmilch) erzeugt sie zahlreiche „artifizielle“ Standbilder, die wie Videostills Punkte in der laufenden Handlung markieren oder diese zusätzlich beleuchten. Anders als in der Kölner Hiob-Inszenierung von Rafael Sanchez bleibt hier das explizit jüdisch Einzigartige oft auf der Strecke, Wolfgang Rüter ist beileibe nicht der im Martyrium des Lebens und im streng orthodoxen Regelwerk der Altväter versunkene Jude. Das psychologische Momentum des Umgangs mit behinderten Familienmitgliedern drängt in den Vordergrund, auch angesichts der überzeugenden Leistung von Samuel Koch als Menuchim, der erst beim Applaus tatsächlich im Rollstuhl erscheint. Noch im zaristischenSchtetl irgendwo in Russland klären sich die zukünftigen Lebenswege. Die Ehe mit Deborah ist auf einem emotionalen Tiefpunkt. Mendels Kinder rebellieren gegen die Glaubenssätze des Vaters, der einfältige Jonas will Bauer werden und zum Militär, er will saufen und rumhuren, während Schemarjah bereits den amerikanischen Traum im Herzen trägt. Auch Tochter Mirjam fühlt sich im engen Korsett der Tora nicht wohl, flüchtet zu den Kosaken. Gemeinsam ist ihnen die Unfähigkeit im Umgang mitMenuchim, den sie wie einen Sack Kartoffeln herumzerren und dabei fast umbringen. Dann geht vieles ziemlich schnell.Schemarjah landet, von Mutters Erspartem gerettet, in New York, wird reich und holt seine Eltern nach. What a wonderful world. I want to be in Amerika, natürlich wird es bei der West Side Story wieder choreografisch, während Einkaufstüten wie bei einer Parade von der Decke flattern und Mirjam Marilyn Monroe zitiert. DasMartyrium hört dennoch nicht auf. Krieg, Tod der Kinder, Tod der Frau, Wahnsinn der Tochter machen Mendel Singer fertig, töten den Glauben, doch sein Satz „Ich will Gott verbrennen"geht hier fast unter. Das letzte stille Bild gehört ganzSamuel Koch als Menuchim, der jetzt als gefeierter Musiker seinen Vater und seine Familie wiederfindet.

„Hiob“ | R: Sandra Strunz | 4.3., 14.3., 20.3., 26.3. 19.30 Uhr – nur Restkarten | Kammerspiele Bonn | 0228 77 80 22

PETER ORTMANN

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