Ausstellungsansicht Kolumba, Raum 10: Thomas Rentmeister, Ohne Titel, 2002, Polyester; Andrea Büttner, Phone Etching (Smartphone Radierung), 2015, Radierung auf Papier, © VG-Bild-Kunst, Bonn, 2026
Foto: Mareike Tocha/Kolumba, Köln

Gegen jede Norm verzögern

29. Oktober 2026

Die neue Jahresausstellung im Kolumba – kunst & gut 11/26

Die Jahresausstellungen im Kolumba folgen einem bewährten Konzept. Auch nach dem Direktorenwechsel von Stefan Kraus zu Marc Steinmann hat sich zum Glück daran nichts geändert. So stehen die alte sakrale Kunst und die heutige Kunst gleichberechtigt nebeneinander, mit Mikroausstellungen zu einzelnen Künstler*innen. Das Taschenbuch, das die Werkinformationen bereithält, gibt es nach wie vor, und die intuitiv-assoziative Zusammenstellung der Werke unter einem weiten Themenfeld ist geblieben – die tolle Architektur von Peter Zumthor als Herausforderung sowieso. Diesmal könnte die Ausgrabung mit den Resten der einstigen Kirchenbauten unter dem Museumsneubau sogar den thematischen Ausgangspunkt bilden. Im Erdgeschoß öffnet sich die Tür zur Ruine der einstigen Kapelle, die mit ihrem hohen Gewölbe und zum Sound von Taubenstimmen über einen Holzsteg zu durchqueren ist. Sie führt in einen kleinen Innenhof (die ehemalige Sakristei), wo eine zweiteilige Skulptur aus massivem Stahl von Richard Serra steht, die ursprünglich für die ehemalige Synagoge in Stommeln entstanden ist. Orte und Zeiten geraten aus dem Takt, Zeitschichten überlagern sich, schon in der Kapelle: Wir sind im Thema.

Die Neupräsentation beginnt mit Uhren und Taktmessern in wechselndem Design in einer Hochvitrine. An der Wand gegenüber hängt das titelgebende Werk von Finnegan Shannon: eine Scheibe, unterteilt in sieben Wochentage statt Uhrzeiten und mit nur einem Zeiger für verschiedene Zeitvorstellungen und die Überwindung von Normierungen. Von da an wird es in der Ausstellung freier: mit der Kunst, mit den Inhalten. Es geht nicht nur um Phänomene der Präzision in der Zeit, sondern mehr noch um die Abweichung von der Regel und um deren Relativität. Damit lässt sich Vertrautes vielleicht sogar neu sehen. Nun wird die zarte Geste der „Veilchenmadonna“ (um 1450) von Sebastian Lochner, die in der linken Hand die Blume trägt, vielleicht anders und im Ablauf der begleitenden theatralischen Gesten wahrgenommen. Oder die betretbare „Kugelbahn“ (1997) von Manos Tsangaris wird nicht nur im Hinblick auf das Rollen der Kugel, sondern auch in ihren Verzögerungen erlebt.

Finnegan Shannon, Have you ever fallen in love with a clock? 2021, Dibond, Uhrzeiger, Farbe, © Finnegan Shannon; © Foto: Mareike Tocha/Kolumba, Köln

Felix Droese ist mit seinem multimedialen Ensemble „Der Grafenberg“ (1971/72) einer der Hauptkünstler dieser Ausstellung, ebenso wie Duane Michals mit seinen fotografischen Sequenzen und seinen widerspenstigen Videos. Passend zur Thematik wirken auch die Kleinskulpturen (1993-2023) von Inge Schmidt. Zierlich und unprätentiös aus materiellen Alltäglichkeiten entwickelt, verkörpern sie das gelassene Aushalten gespannter Energie. Sie entschleunigen und bringen Zeit schließlich zum Stillstand. Wie schön, dass sie dabei ihre Heiterkeit bewahren! Eine andere Materialästhetik verkörpert Thomas Rentmeisters unbetitelte Polyester-Plastik (2002), die mit ihrer polierten Oberfläche als Form unbegreiflich ist, selbst hinzuschmelzen scheint und sich gegen jede Formbestimmung widersetzt. Wie einige andere Werke ist auch die riesige „Fliegende Lokomotive“ (2005) von Victoria Bell aus der letzten Präsentation geblieben: Gegen alle Gesetze der Schwerkraft scheint sie in ihrem turmhohen Raum abzuheben: Großartig!

„Have you ever fallen in love with a clock?“ | bis 1.8.27 | Kolumba | 933 19 30

Thomas Hirsch

biograph | choices | engels und trailer - die online Kinoprogramme für
Bochum, Bonn, Castrop-Rauxel, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Frechen, Gelsenkirchen, Hagen, Herne, Hürth, Köln, Leverkusen, Lünen, Mülheim, Neuss, Oberhausen, Recklinghausen, Solingen und Wuppertal