„Victor oder Die Kinder an der Macht“
Foto: Martin Miseré

Entlarvungskitsch

28. April 2016

„Victor“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 05/16

Kindermund tut Wahrheit kund. Schön wär‘s. Victor ist ein kleiner Drecksack, der an seinem Geburtstag schauspielert und chargiert, der mal ehrlich ist, mal lügt – alles im Dienste der Wahrheit. Ganz in weiß gekleidet mit knielangen Hosen sieht er aus wie die leibhaftige Unschuld aus dem Kinderzimmer. Johannes Benecke mit Krähstimme lässt dieses altkluge, minderjährige Monster („ich bin schrecklich intelligent“) zu einer Art bürokratischen Terroristen werden, der mit kalter Berechnung und anarchistischem Elan alle bürgerlichen Gewissheiten unterläuft. Das Dienstmädchen sitzt im Rollstuhl und muss für Victors Vasendesaster geradestehen; er entlarvt den Seitensprung seines beflissen-nachsichtigen Vaters Charles (Jakob Leo Stark) mit der matronenhaften, in Orange gekleideten Therese (Sabine Orleans), klaut dem General (Philipp Pleßmann) die Pistole und lässt ihn in Unterhose paradieren.

Roger Vitracs surrealistisches Boulevard-Stück „Victor oder Die Kinder an der Macht“ von 1927 holt ein Großaufgebot an Werten und Institutionen vom Militär bis zur Ehe auf die Bühne, um sie der Heuchelei und Verlogenheit zu überführen. Mehr als verschimmelter Entlarvungskitsch lässt sich aus der Vorlage allerdings kaum herauspressen. Regisseur Moritz Sostmann versucht, den Plot auf Klemens Kühns Bühne mit drei übergroßen Türen im Laufe des Abends zum Generationenkonflikt zwischen bürgerlich gewordenen 68er-Eltern und ihren Kindern aufzupushen nach dem Motto „Selbstsüchtige Eltern vernachlässigen Kind“. Das löst das ehedem kritische Potential des Stücks vollends auf: Die Liebe der 68er zu Ehe und Militär blieben bekanntlich trotz Weinkeller und Eigentumswohnung begrenzt. Nicht zuletzt lässt der Puppenspieler Sostmann erst ganz am Ende einmal den toten Victor als Riesenfigur aufmarschieren. Schade. So bewundert man an diesem Abend allenfalls die Mechanik der Schauspieler: Beneckes abgezirkelten Anarchismus, Philipp Pleßmanns wild furzende Ida, die nie die souveräne Contenance verliert, Magda Lena Schrotts trotzig-tobende Esther. Vitracs pseudoabgründiges Anarcho-Stück dagegen hat uns heute nichts mehr zu erzählen.

„Victor oder Die Kinder an der Macht“ | R: Moritz Sostmann | Di 10.5., Sa 21.5. 20 Uhr, So 15.5. 18 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 221 24800

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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