choices: Herr Ulmer, wie „billig“ kommt uns der Atomstrom wirklich?
Sven Ulmer: Auf den ersten Blick erscheint die in Rechnung gestellte Atom-Kilowattstunde recht günstig. Das teure sogenannte Restrisiko – siehe Fukuschima – fließt allerdings nicht in den Preis ein. Die volkswirtschaftlichen Risikokosten sind also hoch – Atomkraftwerke zudem nur begrenzt versicherbar. Auch die Forschungs- und Entwicklungskosten der Atomkraft werden nicht berücksichtigt. Eine aktuelle Studie nennt rund 304 Mrd. Euro, die hier seit 1950 geflossen sind. Das alles macht den Atomstrom schon rund 4 Cent pro Kilowattstunde teurer – von den neu zu bewertenden Risikokosten ganz zu schweigen.
Diese Kosten erscheinen nicht auf der Stromrechnung. Wer zahlt hier?
Die Allgemeinheit, sprich die Steuern zahlenden Bürger – natürlich unabhängig davon, ob sie „Ökostrom“ oder „Atomstrom“ beziehen.
Zu den von Ihnen genannten 304 Mrd. kommen noch die Kosten für den Atommüll.
Richtig, und diese Kosten sind kaum bezifferbar – die Frage der Entsorgung ist bekanntermaßen überhaupt nicht geklärt. Beim strahlenden Müll müssen wir mit einer Halbwertzeit von bis zu 24.000 Jahren kalkulieren. Das kann keiner seriös berechnen.
Mittlerweile bestreitet niemand mehr den notwendigen Umstieg auf regenerative Energien. Retten uns jetzt Desertec und das Netzausbau-Beschleunigungsgesetz?
Man muss Großprojekte nicht immer negativ sehen. Desertec ist aus meiner Sicht ein sinnvolles aber langfristiges Projekt zur Erzeugung von Sonnenenergie. Doch abgesehen davon, dass wir nicht wissen, wann diese Zukunftsvision Wirklichkeit wird: zunächst sollte man immer danach schauen, wo der Ausbau der regionalen Energieversorgung schon jetzt möglich und sinnvoll ist.
Wie dezentral muss eine moderne Energieversorgung sein?
Das Wichtigste zuerst: den Energieverbrauch allgemein zu senken. Energieeffizienz und Verbraucherverhalten sind Möglichkeiten für jeden von uns, die Energiewende wirklich zu schaffen. Dazu muss man auch die vielen kaum ausgeschöpften Potentiale zur Energiegewinnung vor Ort nutzen, etwa die Abwärme der Abwässer oder die Langzeitspeicherung von Sonnenwärme. In den Kölner Stadtteilen bestehen viele Möglichkeiten, regenerative Energie zu erzeugen.
Da wäre die Kommune gefragt. Angesichts der Krise der Kommunalfinanzen – wer soll die regenerativen Investitionen bezahlen?
Langfristig gesehen rechnen sie sich natürlich, weil sie die laufenden Energiekosten senken. Um zukunftsfähig zu sein, muss Köln sich sowieso rechtzeitig von den teurer werdenden nichtregenerativen und fossilen Energien verabschieden. Auch der Atomstrom wird auf Dauer nicht mehr so günstig zu haben sein. Am wichtigsten aber: die Stadt ist am Versorgungsunternehmen RheinEnergie beteiligt, einer Aktiengesellschaft, die nicht am kommunalen Spartropf hängt.
Die Rheinenergie muss in einen „grünen Masterplan“ für Köln eingebunden werden?
Die Rheinenergie AG hat bereits Mittel frei stellen lassen, um Klimaschutzziele umsetzen zu können. Der Klimakreis Köln zum Beispiel fördert viele einschlägige Initiativen, unter anderem auch unseren „Dialog Kölner Klimawandel“. Beim Themenbereich „Energie & Klima“ werden wir mit der RheinEnergie und anderen Fachkundigen in Workshops an Lösungen für die Kölner Region arbeiten.
Wird der „Grüne Masterplan“ als Teil des Dialogs nur über energiepolitische Argumente begründet?
Nein, und dass wäre ein großer Fehler! Unser größtes Problem ist, dass in Diskussionen die sperrige Frage nach „Nachhaltigkeit“ allzu schnell auf Fragen der Ökologie, von CO2 und der Energieeffizienz verkürzt wird. Das Leitbild „Nachhaltigkeit“ setzt sich aber gleichberechtigt aus den Komponenten Ökologie, Ökonomie und Soziales zusammen. Unsere praktischen Vorschläge sollen den Bürgern und der Stadt ökologisch wie ökonomisch und sozial gut tun.
Wo bleiben da Bildung und Kultur?
Soziale Nachhaltigkeit umfasst nach der maßgebenden UN-Konvention das Recht auf Bildung und Kultur ebenso wie Einkommensgerechtigkeit und Gesundheit. Deshalb arbeiten wir auch mit der Initiative zur Schaffung eines Klimaschutzbildungs-Konzeptes, einem Projekt von Natur und Kultur e.V., oder den Städtischen Bühnen zusammen.
Ein altes Vorurteil setzt Nachhaltigkeit mit dem Verzicht auf Komfort und Bequemlichkeit gleich.

Ich glaube, diese Zeit ist vorbei. Mittlerweile ist sogar nachhaltige Unternehmenskultur nicht nur chic, sondern zeigt auch Wirkung. Im Rahmen der E-Mobilität darf es auch Sportwagen und Lifestyle geben. Es geht heute nicht mehr um Verzicht, sondern um intelligente Lösungen. Die meisten Menschen haben das verstanden.
Trägt das Konzept einer „Green City“, ohne dass wir mehr Demokratie wagen?
Naja, natürlich kann man Einiges von oben herab per Dekret verwirklichen. Auf Dauer wird sich das Konzept der Nachhaltigkeit und von Green City aber nur durchsetzen, wenn die Bürger mitbestimmen und mit entwickeln können. Unser „Dialog Kölner Klimawandel“ setzt auf gestufte Bürgerbeteiligung – erst kleinere Workshops zur Ausarbeitung von Ideen, dann öffentliche Debatten. Dazu laden wir alle herzlich ein.
Am Ideenwettbewerb „Kölns Klima wandeln“ können sich alle Bürger beteiligen.
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