Der immer noch wichtigste Kern der Gesellschaft bleibt die Familie, die sich immer häufiger nicht nur wirtschaftlich, sondern auch psychosomatisch Angriffen ausgesetzt sieht, die sie aus eigener Kraft kaum abwehren kann. Der Brite Dennis Kelly packt viel Sozialkritik in sein Stück „Waisen“, das unter der Oberfläche auch den unterschiedlichen Lebensweg zweier Kinder beschreibt, die gemeinsam in verschiedenen Familien aufwachsen müssen, da ihre Eltern bei einem Brand ums Leben gekommen sind.
Auf der Oberfläche lebt Helen mit Mann und Sohn in einem heruntergekommenen Viertel, das zweite Kind ist unterwegs. Das Leben ist schwierig, die Beziehung auf der Kippe, man plant ein romantisches Abendessen bei Kerzenschein, als Bruder Liam überraschend erscheint und von einem niedergestochenen Jungen erzählt, dem er angeblich helfen wollte, und deshalb blutbeschmiert das Dinner sprengt. Doch nichts scheint, wie es scheint, und dramatische Ereignisse führen oft nur in die Katastrophe.
Inszeniert hat Jennifer Whigham das Sozialdrama in der Bonner Werkstatt. Ein geschweißtes Stahlgerüst markiert den Raum, den „Inner Circle“ der Familie, drum herum herrscht das Nichts, vor dem man sich fürchtet, und in das man nur ungern vordringt. Animierte Videobilder zitieren dazu das „Haus vom Nikolaus“, das aus einer durchgehenden Linie gezeichnet wird, und Strichmännchen, die die Szenen trennen und so auch optisch unterschiedliche Figurenkonstellationen produzieren. Das Stück steht und fällt aber mit den drei Schauspielern, die das menschliche Treibhaus auf der Bühne beherrschen. Wie so etwas perfekt funktioniert, hat der Dortmunder Intendant Kay Voges vor zwei Jahren im ehemaligen Ostwallmuseum gezeigt, als er die Zuschauer in einer Kiste extrem nah ans Geschehen brachte. In Bonn läuft alles etwas distanzierter ab; Grégoire Gros ist dort auch nicht der extreme Soziopath, sondern eher der beiläufig psychisch Kranke, der ruhig immer wieder seine Tatsachen-Erzählung ändert und damit sowohl Helen (Johanna Wieking) als auch ihren Mann Danny (Nico Link) an den Rand der Verzweiflung bringt, gleichzeitig das feine familiäre Netzwerk zerreißt. Unter der Oberfläche kommen bei allen Wesenszüge zum Vorschein, die viele heute bereits im Reich der Neanderthaler für überwunden glaubten. Whigham inszeniert unaufgeregt, mit spärlicher Choreografie, hat die Figur des kleinen Sohnes Shane (Jan Phillip Will) am Anfang und am Schluss eingebaut und setzt konsequent auf die zwangsläufige Beklemmung des Publikums, dem sich im Laufe des Abends langsam, aber unaufhörlich ein psychopathisches Universum voller Gewalt und Fremdenfeindlichkeit erschließt.
Liam ist Täter, nicht Opfer, seine schwangere Schwester verteidigt ihn gegen jede Vernunft und zwingt auch Danny perfide, seine Aufrichtigkeit für die Familie zu opfern. Dazu lässt sie offen, ob sie das Kind tatsächlich austragen will, verschweigt immer wieder Teile von Liams gewalttätiger Biografie (vielleicht hat er auch ihre Eltern umgebracht). Das wahre Opfer ist ein muslimischer älterer Mann, der zufällig zur falschen Zeit Liams Weg kreuzte. Danny wird, um den Zusammenbruch seiner Familie zu vermeiden, auch gewalttätig, foltert zutiefst angewidert den alten Mann, um sich dessen Schweigen zu erkaufen. Doch diese Handlungen markieren einen Wendepunkt in der Geschichte, die ins Chaos gesunken ist. Danny sagt sich von der Familie los.
„Waisen“ I Mi 5.6. 20 Uhr I Werkstatt, Bonn I 0228 77 80 08
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