Endlich im Rheinland! James Ensor (1860-1949) hält im Kunstmuseum Villa Zanders Hof. Zu sehen sind über 100 Druckgraphiken, überwiegend Radierungen, die zwischen Mitte der 1880er- und Anfang der 1900er- Jahre entstanden sind. Im winzigen Format sind hier die Motive und Themen zu entdecken, die auch seine Gemälde zeigen, oft in Variation, wie ein Bestätigen unter anderen Umständen und wie ein Weiterdenken. Seine Bilder wimmeln an Gestalten und Ereignissen, die Figuren und Masken sind nun erst recht auf engstem Raum zusammengerückt. Ensor ist ein Geschichtenerzähler, ein Fabulierer vor dem Herrn, der Realismus mit Fantasie, nüchterne Analyse mit Skurrilität verbindet. Der sich selbst ins Geschehen schmuggelt und so das Drängende und Tagesaktuelle seiner Themen unterstreicht.
Die Lupen am Eingang der Ausstellung sind also sinnvoll. Man sollte sich die Druckgrafik von nahem anschauen, sie Figur für Figur abtasten, auf die Mimik, Gestik, die Maskierung und die Kleidung der so verschiedenen Personen achten, zu denen Persönlichkeiten der damaligen Zeit gehören. Auf die aufgerissenen Augen und die gebleckten Zähne der höchst lebendigen Skelette schauen und beobachten, wie Ensor sie aus einzelnen nervösen Strichen zusammensetzt, die ihre Vitalität unterstützen. Dazu hat er etliche der Druckgraphiken von Hand koloriert. Der flämische Künstler ist nicht nur ein enorm phantasievoller und spielerischer, sondern auch ein sehr feiner und ausdifferenzierender Maler und Zeichner, der so die Fragen seiner Zeit, das Aufkommen der Psychologie, Jugendstil und Fin de Siècle berührt hat. Als lange verkannter Sonderling zwischen Symbolismus und Expressionismus hat Ensor die Gesellschaft wie unterm Brennglas gesehen und karikiert, den Protestzug mit Karneval verknüpft und die Erzählungen des Christentums ebenso wie die antike Mythologie gewürdigt.
James Ensor, Mein Porträt als Skelett, 1889, Radierung, 11,6 x 7,5 cm, Sammlung Quinensor, Ostende, Foto: Steven DecroosEinzelne der Blätter beziehen sich konkret auf Gemälde, etwa auf das riesengroße Hauptwerk „Der Einzug Christi in Brüssel“, das heute in Los Angeles hängt. Im Mittelpunkt der überbordenden Menschenansammlung steht Christus (und mit ihm Ensor), der die sozialistischen Demonstranten dieser Jahre segnet. In Bergisch Gladbach sind dazu zwei Radierungen von 1898 zu sehen, in denen Ensor die Kritik an der Regierung zugespitzt hat. Einen eigenen Raum bespielt „Die Liebestonleiter“ (1929) aus einem Album mit 20 Lithographien und einem Offsetdruck, die eine klassische Liebesgeschichte erzählt und auf Ensors Interesse an Musik hinweist. Eine weitere Serie zeigt „Die sieben Todsünden“ (1888-1904) mit Radierungen, die in ihrer Beispielhaftigkeit drastisch und makaber sind. Deutlich wird anhand der vielen Landschaftsschilderungen, wie sehr Ensor, der nur selten verreiste, die Natur um seine Heimatstadt Ostende geschätzt hat. Leihgeber von all dem ist eine einzige Privatsammlung, die ebenfalls dort ansässig ist und die Blätter – jedes für sich eine Kostbarkeit und Rarität – in den letzten 25 Jahren zusammengetragen hat.
James Ensors fantastische Welten | bis 15.11. | Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach | 02202 14 23 34
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