Im Grunde genommen ist mit dem Titel des neuen Familienstücks am Theater der Keller in der Tanzfaktur bereits das Wichtigste gesagt: Eines schönen Tages schrottet Oma durch zwei beiläufige Klicks unabsichtlichdas Internet. Das ist mit einem Schlag welt-weit-weg. Die wahrgewordene Unmöglichkeit lässt die Familienmitglieder beeindruckt (Opa), besorgt bis sprachlos (Mutter, Vater) oder völlig verzweifelt (der Haus-Teenager) zurück. Nur zögerlich wird die neue Offline-Realität hingenommen, ohne kostenlose Musikstreams, niedliche Tiervideos, vergötterte Influencer:innen, ChatGPT, Online-Bestellungen oder hohle Ballerspiele. Die Folge ist eine existenzielle Frage: „Was jetzt?“ Schließlich ist der gesellschaftliche Gau in den Wohlstandsghettos nach wie vor dieLangeweile.
Mit einem Hoch auf das Analoge und der Besinnung auf das kreative Potenzial im Menschen gelingt letztlich die Anpassung an die ungewohnte Situation. Für Unterhaltungsorgen Opis altes Kofferradio und eine blaue Sofadecke, die in einertheatralen Aufführung innerhalb des Stücks zum imaginären Ozean wird. Gar eine Liebesbeziehung zwischen dem ver(w)irrten Pizzaboten und der systemkritischen, punkig angehauchten Tochter bahnt sich an. Anstelle von Produktinformationen zu den Smoothies der Saison oder bedenklich hochdosierter Protein-Shakes gibt eseine schlichte Schachtel frischer Erdbeeren, die an vergangene Zeiten des süß-sauren Naschens erinnern und im einstigen Kindermund der Protagonisten unbeholfen „Berd-Eeren“ lauteten. Dazu gesellt sich eine angebissene Birne als sympathisches Gegenstück zum Apfel auf der Rückseite des ominösen Laptops, mit dem die Ur-Katastrophe ihren Anfang nahm. Kurzum– das Wohnzimmer springt, rappt, lacht, flirtet, schmatzt, schwärmt, tanzt.
Der Regisseur Volker Hein und die Dramaturgin Ulrike Janssen adaptieren den Spiegel-Bestseller von Marc-Uwe Kling aus dem Jahr 2018 als rund 50-minütige Komödie, die zu keinem Zeitpunkt ins Tragische driftet.Dafür sorgt in erster Linie ein dynamisches Ensemble in Doppelrollen. Das Wechseln zwischen den verschiedenen Lebensaltern gelingtden Darsteller:innen fließend und spielerisch. Klug inszenierte Perspektivwechsel, verschiedene Zeitebenen und die Einbindung des Publikums verlängern die Aufmerksamkeitsspanne bis zum vermeintlichen Happy End. Neben der Schauspielerin Bettina Muckenhaupt (u.a. Comedia, Theater im Bauturm, Theater Tiefrot, Orangerie, Volksbühne am Rudolfplatz, FWT) stehen mit den Schauspielschüler:innen Emelie Pütz, Malte Halling und Maximlian Sassinek Persönlichkeiten auf der Bühne, die den Raum im großen Saal der Tanzfaktur selbstbewusst bis in die vollbesetzten Zuschauerränge ausloten. Mit „Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat“ gelingt den Theatermacher:innen des Kellers ein unterhaltsames, nachhaltiges, das sich in der Tat hervorragend für einen Familienausflug inklusive erlaubter Früchte eignet. Lang lebe Oma!
Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat | 7.6. 17 Uhr, 28.6. 15 + 17 Uhr, 5.7. 17 Uhr | ab 8 Jahren | Theater der Keller (in Zusammenarbeit mit der Jungen Theatergemeinde Köln) | 0221 27 22 09 90
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