Zwei Möwen und ein Untoter
Foto: Thilo Beu

Der Künstler, das unbekannte Wesen

25. September 2014

Tschechow geschickt trivial in den Bad Godesberger Kammerspielen – Theater am Rhein 10/14

Eine schicke Bude, das Landgut der alternden SchauspieldivaIrina Nikolayevna Arkadina: Alles da, was das Herz begehrt, viele Räume, Palmen, ein Pool. Auf der Bühne der Bad Godesberger Kammerspiele entscheidet sich in diesem Interieur das Leben zweier biologischer Einheiten: Ein junger Mensch und ein Vogel werden sterben. Anton Tschechow schrieb das Stück „Möwe" Ende des 19. Jahrhunderts, das hintergründig über Theater, Literatur und den Kulturbetrieb erzählt.Regisseur Sebastian Kreyer hat daraus eine flockige Selbstbeschau des Schauspielerdaseins gemacht. An der Spitze ist man einsam, muss man gnadenlos sein – und geizig. Irina (Sophie Basse) kann da aus dem Vollen schöpfen, wenn die großen Erfolge auch lange zurückliegen. Der Geiz und das Selbstbewusstsein sind ihr geblieben, auch der jugendliche Lover und das Personal. Dafür muss sie ihren melancholischen Sohn Konstantin Gawrilowitsch Treplew (Jonas Minthe) ertragen. Der Rest ist ein Tableau aus Begehrlichkeiten, Selbstüberschätzung und Liebeswahn. Kreyer inszeniert locker boulevardesk und nimmt damit der ganzen Handlung den nötigen Biss, konterkariert den ollen Tschechow und will uns sagen: Dieser Beruf macht zur Diva und er macht krank. Dass die russischen Namen den Zuschauer immer ganz kirre machen, ist systemimmanent.

Zu Beginn liegt der Sohn des Hauses tot im Pool. Billy Wilders „Sunset Boulevard" lässt grüßen und will damit wohl die Zeitlosigkeit dieses permanenten Celebrity-Drucks anreißen, dem bis heute Stars und Sternchen zum Opfer fallen. So what. Konstantin springt wieder aus dem Wasser, der Plot wird reloaded, das eigentliche Spiel des Tschechow kann beginnen: die unglückliche Suche nach der glücklichen Zweisamkeit, die zwangsläufig im Desaster enden muss. Diva Irina und ihr Lover, der erfolgreiche, manisch tippende Schriftsteller Boris Alexejewitsch Trigorin (Benjamin Grüter), saugen einander das Talent aus, Mascha (Mackie Heilmann), Tochter des Verwalters, würde zu gern an Konstantin saugen, doch der ist der blutjungen, talentfreien Nina Michailowna Saretschnaja (Maya Haddad) verfallen, die er liebevoll „Die Möwe" nennt, weil es sie seit frühster Kindheit zum See hinter dem Landgut zieht. Sie spielt die Hauptrolle in Konstantins Debüt, einem seiner Zeit vorauseilenden Drama, dass die Divamutter in ihrem Status erschüttert, Boris beeindruckt und die Normalos ratlos hinterlässt. Doch damals führte, anders als heute, Talentlosigkeit nicht zum Promistatus, aber ins Bett der Berühmtheit oder, wie bei Mascha, lediglich an den Herd der Armut. Selbst eine abgeschossene Möwe kann da ausgestopft nichts ändern. Zwei Jahre später hat Konstantin Erfolg, Boris' Gattin Nina eine Fehlgeburt, die Diva ein Musical-Comeback. Da Nina dennoch nicht zu Konstantin zurückkehrt und lieber in der Provinz tingelt, erschießt er sich. Die Diva zeigt kaum eine Regung, Erfolg und Lover sind ja wieder da. Feddich.

Das feine Gespinst aus Künstlermanie, Erfolg um jeden Preis und seine Folgen, gehen in der Boulevardkomödie (die auch so gespielt ist) unter. „L'art pour l'art" hat die Regie geschickt vermieden. Ob das nun Haltung oder Zufall war, macht für das Ergebnis keinen Unterschied. Theater als Soap-Opera könnte ja in Bonn die Zukunft sein.

„Die Möwe" | R: Sebastian Kreyer |11.10. & 25.10. 19.30 Uhr, 19.10. 18 Uhr | Kammerspiele Bonn | 0228 77 80 22

PETER ORTMANN

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