„Propaganda“
Foto: Klaudius Dziuk

Das Chips-Embargo

26. Juni 2014

„P.R.O.P.A.G.A.N.D.A.“ in der Orangerie – Theater am Rhein 07/14

Am Beginn jedes Krieges müssen Unterscheidungen getroffen werden. Wer ist Freund, wer ist Feind? Wer muss mitmachen, wer nicht? Schützengraben oder „Heimatfront“? Das Stück „P.R.O.P.A.G.A.N.D.A. – Ein Stück Krieg“ des Brachland-Ensembles und des nö-theaters beginnt mit einer aufwendigen szenischen Aktion, die das Publikum in zwei Gruppen teilt. Die einen dürfen im Saal bleiben, die anderen müssen in den tristen Gewölbekeller. Dort wartet Enkel Thomas, der auf einem kleinen Bühnensteg seine Urgroßeltern Johanna und Heinrich nach Ursache, Stimmung, Fronterlebnissen des 1. Weltkrieges befragt. Es ist das abgestandene Ritual des „Wie war das damals?“, das daherkommt, als sei es einem Familienratgeber entnommen. Danach werden aus Originalbriefen und –tagebüchern drei Monologe gegeneinander geschnitten, die von der „Heimatfront“, von der Front und der Ausbildung berichten.

Das ist zwar eindringlich gespielt, in seiner schlichten didaktischen Aufbereitung, seiner psychologisierenden Spielweise, seiner konventionellen Dramaturgie wirkt die Szene allerdings wie Theater passend zum Schulcurriculum. Da geht es im großen Saal der Orangerie aufregender zu. Ein Junge vom sogenannten Oberstaat lümmelt auf einem Teppich vorm Fernseher rum. Endlos wiederholen sich Werbespots für Getränke, Chips und ideologische Comicfiguren. Das aufwendig produzierte Material schafft beste Sci-Fi-Atmo. Der Junge muss ein Quiz lösen und Briefe, die von der Decke hängen, in einen Briefkasten stecken. Dafür bekommt er Chips frei Haus geliefert. Konsumismus, Indoktrination, Langeweile, trostlose Animation gehen Hand in Hand – bis ein Mädchen vom Unterstaat ihren Anteil an den Briefen fordert und zur Verdeutlichung die Chipszufuhr einschränkt.

Katastrophe! Das Fernsehen setzt zum ideologischen Overkill an, preist Waffen an, diffamiert den Gegner und der Junge macht alles mit. Der sarkastische Witz daran: Was wir auf dem Fernsehgerät als übelsten AgitProp sehen, haben die Macher aus Kindersendungen von Pro Sieben über ZDF bis Hamas TV entnommen. Am Ende triumphiert das Mädchen als Stinkegeneral über den kleinlauten Jungen. Das Setting mag naiv sein, doch die Besetzung mit den kindlichen Darstellern ist konsequent und macht das Stück zu einer Art Parabel, die ihre Wirkung am Ende nicht verfehlt.

„Propaganda“ | R: Janosch Roloff, Dominik Breuer, Gunnar Seidel | 3.7.-6.7. 20.30 Uhr | Orangerie | 0221 952 27 08

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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