Ásgeir
Foto: Live Nation GSA

Islands Superstar

20. September 2026

Portrait des isländisches Musikers Ásgeir – Musik 09/26

Vor zehn Jahren, im Sommer 2016, spielte Ásgeir mit seiner Band und seinen elektronisch pluckernden Folkmelodien auf dem Duisburger Traumzeit-Festival. Sein Debütalbum mit von seinem Vater geschriebenen Texten war unter dem Titel „In the Silence“ 2014 noch einmal veröffentlicht worden und von niemand Geringerem als John Grant ins Englische übersetzt. Da war Ásgeir Trausti Einarsson gerade mal 21, der Autor seiner Texte 72. In Duisburg sang er die isländischen Originalversionen. Faszinierend an seinem Debüt war der Dreiklang aus seiner betörenden Falsettstimme, den hochmelodischen Tunes und der elektronischen Anreicherung (nie Überfrachtung) dieser im Kern akustischen Songs. Live wurde der rhythmische Gehalt der Songs stärker ausgestellt, der Bandsound voll ausgeschöpft.

Ásgeir selbst stand dabei gerne in der Mitte des Geschehens, die Augen geschlossen, sich in die melancholische Stimmung seiner Songs hineinsingend. Auch auf der (in Duisburg damals sehr großen) Bühne wirkte es, als würde er am liebsten allein oder im eng vertrauten Kreis sein. Eigen und wunderschön. Nach seinem Set blickte ich in entrückte, verklärte Gesichter. Zwischen der sich verstreuenden Menge und „War das geil...!“-Satzfetzen ging ich, irgendwohin. Das Debütalbum erreichte Achtungserfolge in Europa; im pop-affinen Großbritannien kam es in die Top 50. In Island allerdings besitzt jeder zehnte Haushalt sein Album. Rechneten wir das auf z.B. Deutschland um, kämen wir auf 8 Mio. verkaufte Alben, also weit vor den hier bis dato meistverkauften Phil Collins, Grönemeyer und dem Soundtrack zu Dirty Dancing.

Es kam, wie es oft kommt, wenn der erste Wurf in sich stimmig ist. Nichts gegen Innovation und Weiterentwicklung, aber manchmal beraubt der Wunsch nach Veränderung die Kunst ihrer ursprünglichen Stärken. Die Produktionen wurden opulenter und breitwandiger, die Musik auf den drei auf ...Silence folgenden Alben austauschbarer.

Auf dem neuen, diesen Februar erschienenen Album „Julia“ kehrt Ásgeir nun zurück zum zurückgenommenen, im Kern akustisch grundierten Stil des Debüts. Drums und Synthesizer werden dezent eingesetzt. Ein Novum gibt es dennoch: erstmals singt Ásgeir von ihm selbst geschriebene Texte, was sie persönlicher und leichter nachzuempfinden macht. Ein Superstar wie in Island wird er hier wohl weiterhin nicht werden. Umso nachhaltiger können die Erinnerungen an Ásgeirs Konzerte in atmosphärischen Konzertlocations sein, den stiller werdenden Herbst vorwegnehmend.

Ásgeir – In the Silence (2014, One Little Indian)
            – Julia (2025, Embassy Of Music)

Frank Schwarzberg

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